International anerkannte Standardisierung durch Europas Heterogenität erschwert

These im Wortlaut

Derzeit gelingt es der Wirtschaft in Deutschland vielfach nicht, weltweit akzeptierte, offene Standards (durch)zusetzen.

Erkenntnis

Die Heterogenität Europas verhindert aktuell das schnelle Setzen international anerkannter Standards. Durch die Kooperation von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik können geeignete Rahmenbedingungen ermöglicht werden. „De-facto“-Standards mit ausreichender Marktmacht werden hierbei mehr als „de-jure“-Standards benötigt.

Einführung

Um als de-facto-Standard funktionieren zu können, müssen Systeme einigermaßen offen gestaltet sein, damit eine möglichst große Nutzerzahl auf diese zugreifen kann. Dadurch werden die Abhängigkeit von einem Hersteller oder andere Hemmnisse gegen Interoperabilität verhindert. Da offene Standards eine enge Verknüpfung mit Netzeffekten haben, erhöht sich deren Relevanz aktuell in starkem Ausmaß.


These: Derzeit gelingt es der Wirtschaft in Deutschland vielfach nicht, weltweit akzeptierte, offene Standards (durch)zusetzen.

„Inwieweit trifft diese These auf die Situation in Ihrer Branche zu?“

Basis: Gesamt n = 131, IKT n = 74, Nicht-IKT n = 57


Deskription

Knapp die Hälfte der befragten Fachleute (48 Prozent) geht aktuell davon aus, dass die deutsche Wirtschaft keine global akzeptierten Standards durchsetzen kann. Diese Zustimmungsrate zu der These verringert sich für 2020 auf 42 Prozent. Im Jahr 2025 sieht nur noch jeder dritte Experte (34 Prozent) die These als zutreffend für das eigenen Unternehmen an.

Interpretation

Auch wenn auf der einen Seite derzeit jeder zweite Experte die mangelnde Fähigkeit zum Setzen weltweiter Standards als Manko der deutschen Wirtschaft wahrnimmt, überrascht auf der anderen Seite der große Optimismus im Hinblick auf die Zukunft. Ganz offensichtlich herrscht unter den Fachleuten die feste Überzeugung, dass es Deutschland gelingen wird, auf das Thema adäquat zu reagieren und an alte Stärken der deutschen Industrie anzuknüpfen. Unter Umständen wird gerade das Thema „offene Standards“ in der deutschen Industrie noch mit gemischten und auch kritischen Gefühlen gesehen. Durch die im Zuge der Digitalisierung der Wirtschaft realisierten hohen Entwicklungs- und Umsetzungsgeschwindigkeiten werden heutzutage de-facto-Standards gesetzt. Haupttreiber dabei sind viele dezentrale, unabhängig agierende Innovationsknoten, die kaum noch von einem Unternehmen allein beherrschbar sind, beziehungsweise gegen die ein einzelnes Unternehmen kaum erfolgreich arbeiten kann.

Auf allen Ebenen heißt Digitalisierung in diesem Kontext auch Geschwindigkeits- und Produktivitätsgewinn durch globale Vernetzung über Unternehmens- und Branchengrenzen hinweg. Nur so ist es möglich, Produkten und Diensten in teilweise rasanter Geschwindigkeit den benötigten Marktzugang zu ermöglichen. Offene Standards, nach denen zeitgleich weltweit entwickelt, gearbeitet und erprobt werden kann, stellen dabei häufig den zentralen Faktor dar, um im eigenen Unternehmens- beziehungsweise Wettbewerbsumfeld die notwendige Geschwindigkeit zu realisieren. Die deutsche Wirtschaft ist derzeit mit der Schwierigkeit konfrontiert, auf diese hohen Geschwindigkeiten zu reagieren; außerdem bewegt sie sich in einem extrem heterogenen europäischen Heimmarkt. Eigene Standards zu setzen, ist bei diesen Dynamiken kaum möglich, dies wird aber offensichtlich nicht als Problem gesehen beziehungsweise nicht erkannt.

Möglicherweise gibt es in der deutschen Wirtschaft durchaus Player, die (noch) kein Interesse an offenen Standards haben, da sie glauben, von geschlossenen und über viele Jahre erfolgreich geführten Systemen profitieren zu können. Diese Haltung ist durchaus als kritisch zu beurteilen, da sie ein Beharren auf alten Strukturen versinnbildlicht und der Digitalisierung in ihrem inhärent-disruptiven Wesen nicht gerecht wird. Die Vorteile des schnellen, dynamischen Austausches und Profitierens von innovativen Lösungen gehen so an der deutschen Wirtschaft häufig vorbei oder spielen im globalen Kontext nur eine untergeordnete Rolle. Die gilt gleichermaßen für die Wahrnehmung Deutschlands durch die weltweite Wirtschaft: Auch hier besteht die Gefahr, dass deutsche Unternehmen nicht mehr als relevante Innovations- und Marktpartner gesehen werden: Die deutsche Wirtschaft könnte aus dem „relevant Set“ der digitalen Wirtschaft fallen, denn die digitalisierte Welt verlangt nach schnellen Entscheidungen und offenem Denken und Handeln. Allerdings ist die durch offene Systeme in manchen Bereichen enorm gestiegene Komplexität (siehe EDIFACT) ein nicht von der Hand zu weisender Faktor, der unter Umständen abschreckende Wirkung haben kann.


Darstellung der Eintrittswahrscheinlichkeit zweier gegensätzlicher aus der These resultierenden Entwicklungsszenarien aus Sicht der befragten Experten.

„Im Folgenden zeigen wir Ihnen zwei Entwicklungsmöglichkeiten: Bitte kreuzen Sie an, welche Entwicklungsalternative Ihnen wahrscheinlicher erscheint heute / im Jahr 2020 / im Jahr 2025.“

Basis: Gesamt n = 129, IKT n = 73, Nicht-IKT n = 56



Darstellung der wichtigsten Akteure, die aus Sicht der befragten Experten im Jahr 2020 entweder das positive Entwicklungsszenario beeinflussen oder dem negativen Entwicklungsszenario entgegenwirken.

„Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich im Jahr 2020. Welche der im Folgenden aufgeführten Akteure können diese positive Entwicklung bewirken / der negativen entgegenwirken?“

Basis: Verstärker n = 67, Verhinderer n = 61


Deskription

Fast drei Viertel der Experten (70 Prozent) sehen derzeit die negative Entwicklung einer „Follower“-Roller für Deutschland als die wahrscheinlichere Alternative der beiden oben dargestellten Entwicklungsmöglichkeiten an. Das Jahr 2020 stellt den Wendepunt dar, hier sind es nur mehr 47 Prozent. Der Trend hin zu einer starken Position Deutschlands wird von einer knappen Mehrheit erst in einer langfristigen Perspektive erwartet. Für das Jahr 2025 sehen 57 Prozent Deutschland in der Lage, eigene Standards zu setzen. Konstant erachten knapp 17 Prozent der Befragten keine der beiden Entwicklungen über die nächsten Jahre als wahrscheinlich.

Sowohl Verstärker der positiven Entwicklung als auch Verhinderer der negativen Alternative ist in den Augen der befragten Experten die Wirtschaft in Deutschland (Verstärker positiv: 76 Prozent, Verhinderer negativ: 72 Prozent). Den Vertretern der Wissenschaft kommt vor allem eine verstärkende Funktion der positiven Tendenzen zu (76 Prozent), politischen Kräften die Rolle der Verhinderer von negativen Effekten (Politik der Europäischen Union: 64 Prozent, Politik in Deutschland: 56 Prozent).

Interpretation

Hinsichtlich der beiden Entwicklungsbilder hält sich der bei der These gezeigte langfristige Optimismus nicht so deutlich. Fast die Hälfte der Experten sieht es nicht, dass Deutschland ausreichend strategisch investieren wird und hierdurch eigene Standards setzen kann. Die deutsche Wirtschaft muss lernen, mit den zunehmenden Geschwindigkeiten der Märkte zurechtzukommen, wenn es ihr gelingen soll, global zu bestehen.

Die große Mehrheit der befragten Fachleute sieht hier klar die deutsche Wirtschaft gefordert, um diese Entwicklung zu fördern. Gezielte Investitionen sind notwendig, um Fortschritte zu erzielen. Die gerade in den asiatischen Ländern stark zentralistisch organisierte Förderung durch die Politik ist in Deutschland nicht politisch gewünscht beziehungsweise finanzierbar. Damit geht einher, dass der pluralistisch ausgerichtete deutsche Prozess des politischen Diskurses zwar auf eine Beteiligung unterschiedlichster Interessensgruppen ausgerichtet ist, dieser aber die notwendigen Entscheidungen verlangsamt beziehungsweise noch nicht an die Geschwindigkeit, Transparenz und Offenheit digitalisierter Prozesse angepasst ist. Immer wieder lässt sich sehr deutlich die Notwendigkeit erkennen, sich intensiv mit dem Thema Geschwindigkeit und der Dynamik der digitalisierten Wirtschaft an allen verantwortlichen Stellen auseinanderzusetzen. Die Tatsache, dass die politischen Entscheidungsträger vor allem in der Rolle des „Verhinderers von Schlimmerem“, aber nicht als positiv fördernde Kraft gesehen werden, zeigt, dass man den dortigen Fachleuten die benötigte Kompetenz nicht zuspricht. Hier muss nachgebessert werden. Den befragten Experten ist die Komplexität der Thematik durchaus bewusst, und so fordern sie eine Kooperation von Wirtschaft und Wissenschaft, um geeignete Rahmenbedingungen zu ermöglichen. „De-facto“-Standards werden mehr als „de-jure“-Standards benötigt, die allerdings nur mit ausreichender Marktmacht zu erreichen sind.

Wege in die digitale Zukunft

Allgemein gilt: In einer digitalisierten Ökonomie werden klassische Standards den schnellen Marktzugang von Dritten nicht ver- beziehungsweise behindern, weshalb sich zeigt, dass in der Realität „de-facto“-Standards immer wichtiger werden. Die deutsche Wirtschaft muss hier gewohntes Terrain verlassen, denn derzeit findet sie sich nach einem relativ kurzen Zeitraum im weltweiten Vergleich in einer schwierigen Position wieder: Finanzstarke Unternehmen in den USA und zentralgeführte Firmen aus dem asiatischen Raum kommen mit den geforderten Geschwindigkeiten besser zurecht und können hierdurch die Rahmenbedingungen vorgeben. Aber die Bereiche, in denen erfolgreiche Initiativen aus dem heterogenen europäischen Raum gestartet werden könnten, sollten nicht leichtfertig aus den Augen verloren werden. Dies wäre beispielsweise beim Setzen von sicherheitsrelevanten Standards im Bereich der Automobilindustrie möglich oder bei im Umfeld von IT-Sicherheit und Datenschutz. Hierzu müssten sich die relevanten Player von proprietären wirtschaftlichen und nationalen Interessen lösen und in übergreifenden Kooperationen organisieren.

Ökosysteme aus mehreren strategisch relevanten Technologien müssen gezielt gefördert werden, damit die notwendigen Geschwindigkeiten in Entwicklung und Umsetzung erreicht werden können. Hier würde eine auf Europa fokussierte Kompetenzanalyse einen ersten wichtigen Schritt hin zu einer gemeinsamen Strategie darstellen. Europäische Kompetenzcluster, gestützt von gezielter Förderung, würden Quick-Wins sowie nachhaltige Entwicklung ermöglichen. Klare Entscheidungen, in welche Bereiche investiert werden sollte, erlauben gezielte und fokussierte Finanzierungen ohne allgemeines Gießkannenprinzip. Die Politik kann und muss hier unterstützen, aber die dafür notwendigen Impulse müssen aus der Wirtschaft kommen.

Handlungsimpulse

  • Der erste Handlungsimpuls betrifft die politischen Rahmenbedingungen: So ist die Initiierung einer gemeinsamen EU-Strategie vonnöten. Um eine gemeinsame europäische Strategie zu initiieren, sollte die Beauftragung einer Kompetenzanalyse, zunächst auf Europa fokussiert, veranlasst werden, um die entscheidenden Stärken weiter zu fördern und die Schwächen zu kompensieren. Weiterhin ist eine gezielte Förderung europäischer Kompetenzcluster für Quick-Wins und nachhaltige Entwicklung sinnvoll.
  • Der zweite Handlungsimpuls fordert unternehmerisches Engagement ein. So ist die Initiierung eines politischen Beirats aus möglichst vielen EU-Vertretern der EU-Exportwirtschaft nötig, um eine Vorsondierung der Interessen beziehungsweise Hürden gegenüber Interoperabilität zu erreichen. Neben Sicherheits- und anderer USP-Kriterien, sollten viele exportfähige EU-Standards auch mit den US- und Asien-Standards kompatibel sein.