Verwertung von sensiblen Nutzerdaten in der digitalen Wirtschaft als Chance

These im Wortlaut

Im internationalen Vergleich ist der rechtliche, ethische und gesellschaftliche Umgang mit Daten (Datenschutz, informationelle Selbstbestimmung usw.) höchst unterschiedlich. Im globalen Vergleich wird wirtschaftlich häufig von der Entstehung eines Wettbewerbsnachteils für Unternehmen in Deutschland gesprochen.

Erkenntnis

Deutschland scheinen vor allem langfristig kaum Wettbewerbsnachteile durch diese Situation zu entstehen. Datenschutzkonforme Prozesse und Verfahren zum sensiblen Umgang mit Nutzerdaten werden als ein Kompetenzfeld der deutschen Wirtschaft gesehen. Als forciertes Innovationsfeld mit Technologie- und Anwendungsentwicklung haben sie das Potenzial, auch hinsichtlich zusätzlicher zukünftiger Anforderungen eine global federführende Rolle für die deutsche Wirtschaft einzunehmen.

Einführung

Die allumfassende Verwertung von Nutzerdaten in der digitalen Wirtschaftet bedeutet vielfach Mehrwert und Wachstum und ist mittlerweile Grundlage einer Reihe von erfolgreichen Geschäftsmodellen geworden. Internetnutzer „produzieren“ aktiv und passiv eine Fülle an Daten, die den Nutzer detailliert in real-time abbilden, lokalisieren und vielschichtige Analysen zulassen. Darauf bauen Geschäftsprozesse und Unternehmen auf, die national und international sehr unterschiedliche Rahmenbedingen für den Umgang mit den Nutzerdaten berücksichtigen müssen.


These: Im internationalen Vergleich ist der rechtliche, ethische und gesellschaftliche Umgang mit Daten (Datenschutz, informationelle Selbstbestimmung usw.) höchst unterschiedlich. Im globalen Vergleich wird wirtschaftlich häufig von der Entstehung eines Wettbewerbsnachteils für Unternehmen in Deutschland gesprochen.

„Inwieweit trifft diese These auf die Situation in Ihrem Unternehmen zu?“

Basis: Gesamt n = 126, IKT n = 71, Nicht-IKT n = 55


Deskriptiv

Der oben angeführten These stimmt für das Jahr 2014 ein Drittel aller befragten Experten zu (33 Prozent). Dieser Wert nimmt über die nächsten zehn Jahre ab: 2020 sieht nur noch jeder vierte Befragte (26 Prozent) einen wirtschaftlichen Wettbewerbsnachteil für Unternehmen in Deutschland, 2025 „nur“ noch gut jeder fünfte (23 Prozent).

Interpretation

Die hohe Prozentzahl an befragten Fachleuten, welche die rechtlichen, ethischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland in Bezug auf den Umgang mit Daten als für ihr Unternehmen eher unkritisch einstufen, erscheint auf den ersten Blick überraschend. 70 Prozent sehen den derzeitigen Zustand nicht unbedingt als Wettbewerbsnachteil für Deutschland im internationalen Vergleich. Die Tatsache, dass dieser Anteil über die nächsten 10 Jahre gesehen sogar noch ansteigen wird, lässt vermuten, dass die Wirtschaft von einer Angleichung der internationalen Standards an das deutsche Niveau ausgeht. Dieser Befund ist angesichts der aktuellen Diskussionen um eine Datenschutz-Grundverordnung nachvollziehbar. Mit der Verordnung gelten gleiche Vorgaben für alle Dienste in der EU, auch wenn sie von Anbietern aus Übersee erbracht werden. Zusätzlich ist davon auszugehen, dass über die nächsten Jahre Mechanismen zu einem sicheren bzw. selbstbestimmten Umgang mit Daten entwickelt und eingeführt werden. Der Optimismus ist als ein Zeichen der Zuversicht zu werten, dass die Problematik des Datenumgangs zwar wahrgenommen wird, jedoch hierdurch kein expliziter Wettbewerbsnachteil entsteht und für die Zukunft auch nur in einem geringen Maße erwartet wird. Dies gilt insbesondere dann, wenn Pseudonymisierung / Anonymisierung als datenschutzkonforme Technologien gefördert und die Verarbeitungsvoraussetzungen erleichtert werden.


Darstellung der Eintrittswahrscheinlichkeit zweier gegensätzlicher aus der These resultierenden Entwicklungsszenarien aus Sicht der befragten Experten.

„Im Folgenden zeigen wir Ihnen zwei Entwicklungsmöglichkeiten: Bitte kreuzen Sie an, welche Entwicklungsalternative Ihnen wahrscheinlicher erscheint heute / im Jahr 2020 / im Jahr 2025.“

Basis: Gesamt n = 126, IKT n = 71, Nicht-IKT n = 55



Darstellung der wichtigsten Akteure, die aus Sicht der befragten Experten im Jahr 2020 entweder das positive Entwicklungsszenario beeinflussen oder dem negativen Entwicklungsszenario entgegenwirken.

„Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich im Jahr 2020. Welche der im Folgenden aufgeführten Akteure können diese positive Entwicklung bewirken / der negativen entgegenwirken?“

Basis: Verstärker n = 68, Verhinderer n = 58



Bei der Verwendung von Kundendaten führen vor allem Datenschutz, Innovationsprozesse und Serviceorientierung zum Erfolg.

„Wenn Sie an die vielfältigen Möglichkeiten der wirtschaftlichen Verwendung von Kundendaten denken: Wie schätzen Sie in diesem Zusammenhang die folgenden Handlungsfelder für den unternehmerischen Erfolg in Ihrem Unternehmen bis zum Jahr 2020 ein?“

Basis: n = 124


Deskriptiv

Die zwei möglichen Entwicklungsstränge polarisieren: 2014 schätzt über ein Drittel (39 Prozent) der befragten Fachleute die positive Entwicklung einer Nutzerakzeptanz über die Erfassung und Verwertung ihrer Daten unter der Voraussetzung als realistisch ein, dass eine Transparenz über die Verwertung gegeben ist. 42 Prozent sehen dagegen aktuell das negative Szenario bestätigt, bei dem sich die Nutzer weltweit gegen eben diese Erfassung und Verwertung ohne ihr Einverständnis wehren. Weitere 19 Prozent halten keine der beiden Entwicklungen für realistisch. In den nächsten zehn Jahren wird sich dieses Bild zwar prozentual umkehren, jedoch ist nach wie vor eine Zweiteilung von Befürwortern und Ablehnern der beiden vorgeschlagenen Szenarien vorhanden. 48 Prozent sehen für das Jahr 2025 das positive Entwicklungsbild als wahrscheinlich an, 37 Prozent das negative.

Hauptverstärker der positiven Entwicklung werden nach Meinung der Experten die großen internationalen Internetunternehmen (50 Prozent) sein, gefolgt von der deutschen Zivilgesellschaft (46 Prozent) und der Politik in der EU (44 Prozent). Im Gegenzug kommt den deutschen Medien (64 Prozent) sowie den politischen Entscheidungsträgern in Deutschland (62 Prozent) und der EU (59 Prozent) die Rolle der Verhinderer der negativen Entwicklung zu.

Nach Ansicht der Experten werden sich bis zum Jahr 2020 vor allem jene Unternehmen erfolgreich hervortun, welche in Bezug auf die wirtschaftliche Verwendung von Kundendaten vor allem auf die Aspekte Datensicherheit und Datenschutz (84 Prozent), Innovationsprozesse (77 Prozent) und Service (75 Prozent) achten.

Interpretation

Es sind positive Entwicklungsszenarien denkbar, und auch wenn die Datennutzung zunehmend kontrovers diskutiert wird, muss dies nicht unbedingt zu Nachteilen führen. Allerdings sehen die Experten eine mögliche neue digitale Spaltung auf Deutschland zukommen: Ein großer Nutzerteil sieht die Convenience-Aspekte und innovativen Services als Treiber der positiven Entwicklung, aber immerhin jeder Dritte hält auch ein Szenario der Ablehnung und Skepsis für wahrscheinlich. Hier sind die großen internationalen Internetunternehmen gefragt, genauso wie Politik und Gesellschaft, die gemeinsam für Entscheidungen bezüglich der Aushandlung von Mindestanforderungen und Spielregeln in der neuen Datennutzungswelt zuständig sind. Gerade beim Thema Datensicherheit und Datenschutz, das heißt Themenkomplexen, die in Deutschland derzeit sehr stark verankert sind, werden neue gewinnbringende Geschäftsfelder gesehen.

Doch es darf nicht übersehen werden, dass mehr als die Hälfte der befragten Fachleute dieser „open private data“-Entwicklung entweder ablehnend oder skeptisch gegenüberstehen. Dies ist weniger für privatwirtschaftliche Anbieter als für das digitale Angebot im öffentlichen, verwaltungstechnischen Raum schwierig. Hier müssen dauerhaft parallele Offline-Angebote verfügbar sein. Dieser hohe Prozentsatz ist sicherlich der ständigen Zunahme an Cyberkriminalität geschuldet, der in großen Bevölkerungskreisen ein hohes Maß an Unsicherheit hervorbringt. In Expertenkreisen wird hier den Medien ein großer Vertrauensvorschuss geleistet: Sie werden als der Korrektivfaktor gesehen, der negative Entwicklungen aufdecken und verhindern kann. Doch auch der Ruf nach politischen Hilfestellungen wird deutlich: Sowohl im nationalen als auch im europäischen Recht muss die Datennutzung klarer geregelt werden, um eine komplette Verweigerungshaltung zu verhindern.

Wege in die digitale Zukunft

Deutsche Unternehmen werden heute nicht als Topakteure hinsichtlich der Entwicklung digitaler Nutzerkonzepte gesehen – diese Rolle wird eher den großen internationalen Unternehmen zugeschrieben.

Handlungsimpulse

  • Zunächst sollte es unserer Wirtschaft mit vertrauensbildenden Maßnahmen gelingen, nationale Lösungen zu stärken. Gerade beim Thema Datenschutz und Datensicherheit können wir von den inländischen, strengeren Regularien im internationalen Vergleich auf lange Sicht profitieren – maßgeblich abhängen wird dies von einer zügigen Verabschiedung der Datenschutz-Grundverordnung, die wichtig für ein „Level-Playing-Field“ bei der Nutzung personenbezogener Daten ist. Mit der Verordnung gelten grundsätzlich gleiche Vorgaben für alle Dienste in der EU, auch wenn sie von Anbietern aus Übersee erbracht werden (Produkte und Dienstleistungen).
  • Für pseudo-anonymisierte, personenbezogene Daten sollten rechtlich verlässliche Rahmenbedingungen und Privilegierungen vorgegeben werden.
  • Die Anonymisierung rechtmäßig erhobener personenbezogener Daten sollte stets auch ohne weitere Einwilligung des Betroffenen zulässig sein. Zu definieren sind Regelungen, die eine nachvollziehbare und strikte Trennung zwischen personenbezogenen und anonymisierten Daten erlauben.

Interessant wird die Rolle sein, welche der Generation Y zukommt, da sie mit einem anderen, neuen Verständnis für den Umgang mit den eigenen personenbezogenen Daten aufwächst. Unter Umständen ist die derzeit zu beobachtende Sorglosigkeit der großen Masse hinsichtlich des Preisgebens der eigenen Nutzerdaten ein großer Treiber in Bezug auf innovative neue Handlungsfelder. Doch sicherlich sind in diesem sensiblen Feld einige Umstände (Stichwort NSA) denkbar, welche die öffentliche Meinung beeinflussen und in die eine oder andere Richtung kippen lassen können.