Erfordernis von neuen Geschäftsmodellen in der digitalen Welt

These im Wortlaut

Erfolgreiche Geschäftsentwicklung in der digitalisierten Wirtschaft / Industrie kann es erforderlich machen, bewährte Erfolgskonzepte komplett aufzugeben.

Erkenntnis

Die Notwendigkeit, bisher erfolgreiche Geschäftsmodelle für neue Konzepte aufzugeben, wird in Anbetracht der rasanten Entwicklung der Wirtschaft durch die Digitalisierung als prioritär erkannt. Um diese existentiellen Entscheidungen erfolgreich zu bewältigen, sind vor allem unternehmerisches Denken, Kreativität und Kooperationsbereitschaft vonnöten.

Einführung

Etablierte Schlüsselindustrien und führende Unternehmen in Deutschland reagieren häufig nicht umfassend und schnell genug auf die aktuellen Möglichkeiten, welche durch die Digitalisierung entstehen, da sie zu sehr an herkömmlichen Geschäftsmodellen festhalten. Die spannende und viel diskutierte Frage ist, ob es eine erfolgreiche Geschäftsentwicklung in der digitalisierten Wirtschaft / Industrie erforderlich machen kann, bewährte Erfolgskonzepte komplett aufzugeben und inwieweit die deutschen Unternehmen mit solch extremen strategischen Entwicklungen planen.


These: Erfolgreiche Geschäftsentwicklung in der digitalisierten Wirtschaft / Industrie kann es erforderlich machen, bewährte Erfolgskonzepte komplett aufzugeben.

„Inwieweit trifft diese These auf die Situation in Ihrem Unternehmen zu?“

Basis: Gesamt n = 125, IKT n = 78, Nicht-IKT n = 47


Deskription

Die Aufgabe bewährter Erfolgskonzepte zugunsten einer erfolgreichen Geschäftsentwicklung auf dem digitalen Sektor wird für das Jahr 2014 bereits von einem Drittel der befragten Fachleute (31 Prozent) für das eigene Unternehmen als erforderlich gesehen. Bereits für das Jahr 2020 verdoppelt sich dieser Anteil auf 67 Prozent und bleibt auch in der langfristigen Perspektive für das Jahr 2025 auf einem ähnlich hohen Niveau (69 Prozent).

Interpretation

Die relativ geringe Zustimmungsrate für die oben genannte These zum derzeitigen Zeitpunkt reflektiert den Umstand, dass die Überführung eines heute erfolgreichen Geschäftsmodells in eine komplementäre oder gar innovative digitale Lösung eines enormen emotionalen, organisatorischen und auch finanziellen Kraftakts bedarf. Die Entscheidung, das eigene Geschäft zu torpedieren oder gar zu kannibalisieren, um sich Neues zu erschließen, fällt nicht leicht. Dennoch sind die deutschen Unternehmer ganz offensichtlich größtenteils von dieser Notwendigkeit überzeugt und erwarten deshalb für die nächsten fünf bis zehn Jahre drastische Veränderungen in der deutschen Wirtschaft zugunsten von Selbst-Kannibaliserung. In seiner Klarheit ist dies durchaus ein überraschendes Ergebnis. Möglicherweise resultiert die anfänglich zögerliche Zustimmung neben der Frage nach der grundsätzlichen Erfordernis einer kompletten Änderung der Geschäftsmodelle auch aus der Herausforderung, den optimalen Zeitpunkt des Übergangs von analogen Geschäftsmodellen in digitale abzuschätzen.

Viele Unternehmen operieren mit Modellen am Markt, die heute überaus erfolgreich sind und die sie unter Umständen auch zukünftig nicht gänzlich aufgeben, sondern nur adaptieren beziehungsweise in erfolgreiche digitale Geschäftsmodelle überführen wollen. Die Frage und Neuinterpretation der eigentlichen Kernkompetenz des eigenen Unternehmens wird dabei zur Nagelprobe für jedes Unternehmen, das sich dem Wandel der Digitalisierung stellt. Die Spanne des Wandlungsprozesses des einzelnen Unternehmens, die sich zwischen Produktentwicklung, Adaption, Konvergenz und Kannibalisierung bewegt, ist dabei weit und bedeutet nicht selten eine existenzielle Entscheidung.


Darstellung der Eintrittswahrscheinlichkeit zweier gegensätzlicher aus der These resultierenden Entwicklungsszenarien aus Sicht der befragten Experten.

„Im Folgenden zeigen wir Ihnen zwei Entwicklungsmöglichkeiten: Bitte kreuzen Sie an, welche Entwicklungsalternative Ihnen wahrscheinlicher erscheint heute / im Jahr 2020 / im Jahr 2025.“

Basis: Gesamt n = 125, IKT n = 78, Nicht-IKT n = 47



Darstellung der wichtigsten Erfolgsfaktoren, die aus Sicht der befragten Experten im Jahr 2020 entweder das positive Entwicklungsszenario beeinflussen oder dem negativen Entwicklungsszenario entgegenwirken.

„Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich im Jahr 2020. Welche der im Folgenden aufgeführten Faktoren sind auszubauen bzw. zu stärken, um diese positive Entwicklung zu bewirken / der negativen entgegenzuwirken?“

Basis: Verstärker n = 59, Verhinderer n = 66


Deskription

Die aus der These entwickelten zwei Alternativszenarien werden für den gegenwärtigen Zeitpunkt von knapp jedem Fünften der befragten Experten (18 Prozent) als nicht wahrscheinlich angesehen, ein Drittel (33 Prozent) befürwortet das positive Entwicklungsbild, knapp die Hälfte (49 Prozent) sieht dagegen die negative Alternative bestätigt. Bereits für 2020 gehen allerdings drei Viertel (73 Prozent) der Befragten davon aus, das es Schlüsselindustrien in Deutschland gelingt, sich auf die Erfordernisse der digitalisierten Wirtschaft / Industrie einzustellen und mit neuen Lösungen und Geschäftsmodellen weiterhin eine führende Rolle im globalen Wettbewerb einzunehmen. Nur 20 Prozent der Befragten halten im Jahr 2020 die negative Entwicklung für wahrscheinlich. Langfristig betrachtet, im Jahr 2025, erreichen die Zustimmungsraten für das positive Zukunftsbild sogar 86 Prozent, während die negative Alternative nur noch von fünf Prozent der Befragten als wahrscheinlich erachtet wird.

Als Hauptverstärker der positiven Alternative benennen die Experten dabei die digitale Infrastruktur (68 Prozent), den Fokus auf den Kundennutzen (61 Prozent), gefolgt von Unternehmer-Mentalität (59 Prozent) und dem Verständnis der digitalen Ökonomie (58 Prozent). Unternehmer-Mentalität (64 Prozent), gemeinsam mit Kreativität und Offenheit (62 Prozent), Verständnis der digitalen Ökonomie (61 Prozent) und kontinuierliche Innovationsleistung und Forschung und Entwicklung (59 Prozent) arbeiten als verhindernde Faktoren der negativen Entwicklung entgegen.

Interpretation

Der große Optimismus, der in den Antworten der befragten Fachleute zutage tritt und auch die Geschwindigkeit, in der eine Änderung des derzeitigen Status quo erwartet wird, überraschen an dieser Stelle. Die Frage mag gestattet sein, ob die deutsche Wirtschaft wandlungsfähiger ist als es gemeinhin häufig angenommen wird. Es gibt durchaus eine Reihe positiver Beispiele von deutschen Unternehmen, die bereits heute den digitalen Wandel aktiv und erfolgreich in Angriff genommen haben (wie zum Beispiel die verschiedenen Initiativen im Car-Sharing-Bereich zeigen). Auf der anderen Seite wird deutlich, dass Veränderungen, die mittelfristig tragfähig sein sollen, bereits heute auf den Weg gebracht werden müssen. Das heißt, es müssen heute Visionen und Szenarien entwickelt werden, welche die Grundlage für zukünftiges Wachstum bilden.

Die dafür notwendigen Erfolgsfaktoren werden durch die Erhebung deutlich: kreatives, unternehmerisches Denken ist gefordert, das gepaart mit einer modernen digitalen Infrastruktur den Kundennutzen klar im Fokus hat. Schlüsselindustrien, die bisher unabhängig voneinander operiert haben, sind ganz offenbar dazu aufgerufen, integrierte innovative Lösungen zu entwickeln, die durch Kooperationen entstehen, übergreifenden Bedarf befriedigen und Mehrwert erzeugen. Neues Denken und flexibles Handeln in der deutschen Wirtschaft sind dabei der Schlüssel zum Erfolg.

Wege in die digitale Zukunft

Wie kann das Verlassen alter Denkmuster und die Etablierung neuen „digitalen“ Denkens vorangetrieben werden? Erfolg in der digitalen Wirtschaft kann nur über den steten Willen, sich immer wieder neu zu erfinden, erzielt werden. Möglicherweise liegt in der Integration der neuen digitalen Generation, gepaart mit einem hiermit verbundenen kulturellen Mind-Shift in die Wirtschaft, der Schlüssel um diesen Wandelprozess zu meistern.

Handlungsimpulse

  • „Digital Natives“ sollten mit ihrer digitalen Prägung und ihrem Wissen in den Unternehmen erfolgreicher integriert werden.
  • Die „Kultur des Scheiterns“ sollte in Deutschland fester verankert werden – und zwar schon zu Beginn der Schulzeit.
  • Szenarien für systemübergreifende Konzepte und Lösungen sollten entwickelt werden, wobei branchen- und technologieübergreifend gearbeitet werden muss, um die benötigten Rahmenbedingungen aufzuzeigen. Übergreifendes Know-how-Sharing sollte ermöglicht werden.
  • Um die Geschäftsmodelle von Gründern bzw. Wachstumsunternehmen erfolgreich zu etablieren, sollte zum einen die Bereitstellung von leicht zugänglichem Risikokapital erleichtert und gefördert werden, zum anderen sollten bürokratische Hemmnisse abgebaut werden, die häufig Gründung und Wachstum von Unternehmen erschweren.