Industriekonsortien zur Stärkung des europäischen Selbstbewusstseins

These im Wortlaut

In Bezug auf die Digitalisierung der Wirtschaft agiert Europa aktuell wenig selbstbewusst hinsichtlich der eigenen wirtschaftlichen Stärken und Kompetenzen. Die europäische Vielfalt wirkt dabei als Hindernis, könnte aber als Erfolgsfaktor oder Chance (zum Beispiel Mehrsprachigkeit, kulturelle Offenheit, unterschiedliche Kundengruppen und Märkte) genutzt werden.

Erkenntnis

Im Gegensatz zu klassischen Branchen handeln europäische Unternehmen auf dem digitalen Sektor wenig selbstbewusst. Durch die Fokussierung auf branchen- und länderübergreifenden Austausch zwischen Experten, Transparenz, Vernetzung und Verknüpfung von Ideen sowie die Brandentwicklung „Made in Europe“ kann das Selbstbewusstsein der deutschen Wirtschaft gefördert werden.

Einführung

Im Zentrum der Diskussion um das Selbstbewusstsein der deutschen beziehungsweise europäischen Wirtschaft steht die Frage, ob der Wirtschaftsraum Europa der starken globalen Position der USA und dem Führungsanspruch neuer globaler Wirtschaftsmächte derzeit eine eigene übergreifende strategische Gegenposition entgegensetzen kann. Auf dem digitalen Sektor entstehen vor allem in den USA und Asien in kurzen Zeitabschnitten neue potente Marktteilnehmer, welche Europa mit ihren Produkten und Dienstleistungen bedienen. Im Gegenzug regt sich in den europäischen Reihen der Wirtschaft derzeit nur wenig, was auf einen eigenen selbstbewussten Führungsanspruch hindeuten könnte. Dieses Bild zeichnen, so die These der Studie, derzeit der digitale Sektor und die digitalisierte deutsche Wirtschaft von sich selbst. Die Treiber der wirtschaftlichen Entwicklung und damit auch der Einfluss auf die gesellschaftlichen Prozesse liegen nicht in Europa. Anscheinend steht Europa paralysiert wie das analoge Kaninchen vor der digitalen Schlage – oder gestaltet es doch mit?


In Bezug auf die Digitalisierung der Wirtschaft agiert Europa aktuell wenig selbstbewusst hinsichtlich der eigenen wirtschaftlichen Stärken und Kompetenzen. Die europäische Vielfalt wirkt dabei als Hindernis, könnte aber als Erfolgsfaktor oder Chance (zum Beispiel Mehrsprachigkeit, kulturelle Offenheit, unterschiedliche Kundengruppen und Märkte) genutzt werden.

„Inwieweit trifft diese These auf die Situation in Ihrer Branche zu?“

Basis: Gesamt n = 144, IKT n = 78, Nicht-IKT n = 66


Deskription

Die Hälfte der befragten Experten (50 Prozent) ist davon überzeugt, dass Europa sich aktuell wenig selbstbewusst hinsichtlich der eigenen wirtschaftlichen Stärken und Kompetenzen verhält. Auch für die nächsten zehn Jahre erwarten nur wenige Experten eine Veränderung zum Besseren: Die Zustimmung nimmt leicht ab (2020: 42 Prozent) und bleibt dann auf diesem Niveau (2025: 40 Prozent).

Interpretation

Deutlich geht aus der Befragung hervor, dass Europa in der digitalen Wirtschaft nicht mit dem gleichen Selbstbewusstsein wie in der „klassischen“ Wirtschaft agiert. Man kann auch vermuten, dass eine Änderung dieser aktuellen Situation nur sehr schleppend herbeigeführt werden wird. Die europäische Vielfalt wird als Stärke bewertet, das Herausstellen dieser Stärke sowie der Transfer dieser Stärke auf die digitalisierte Wirtschaft ist aber ganz offensichtlich nicht so einfach herzustellen. Denn die europäischen Länder haben sich bislang noch nicht zu einer florierenden Wirtschaftsregion der digitalen Produkte und Dienste zusammengeschlossen.

Im Hinblick auf allgemeine Voraussetzungen für internationale Kooperationen und einen einheitlichen europäischen Wirtschaftsraum hat sich bereits viel getan: So gibt es einen europäischen Binnenmarkt, Fachkräfte können länderübergreifend arbeiten, die Zölle wurden abgeschafft, es existiert eine Währungseinheit und Informations- und Kommunikationsbereiche können ohne große bürokratische Hürden aufgebaut werden. Vor allem große Konzerne arbeiten bereits länderübergreifend auf europäischer Ebene, doch die Grenzen innerhalb Europas brechen nur langsam auf. Länderspezifische Regelungen in technischer und rechtlicher Hinsicht stellen nach wie vor Barrieren für einen einheitlichen Markt dar, der schnelles Wachstum und damit das Erreichen attraktiver Marktpositionen und Einfluss auf Standards verspräche. Die Chancen, sich im Rahmen der europäischen Vielfalt besser und flexibler zu positionieren, werden gesehen, aber nicht als besonders hoch bewertet. Erfolgsbeispiele werden nicht in ausreichendem Maße hervorgehoben, während global agierenden, nicht europäischen Unternehmen auch zukünftig eine starke Dominanz zugesprochen wird. Aus diesen Ergebnissen lässt sich ein deutlicher Handlungsbedarf in wirtschaftspolitischer Hinsicht ableiten.


Darstellung der Eintrittswahrscheinlichkeit zweier gegensätzlicher aus der These resultierenden Entwicklungsszenarien aus Sicht der befragten Experten.

„Im Folgenden zeigen wir Ihnen zwei Entwicklungsmöglichkeiten: Bitte kreuzen Sie an, welche Entwicklungsalternative Ihnen wahrscheinlicher erscheint heute / im Jahr 2020 / im Jahr 2025.“

Basis: Gesamt n = 144, IKT n = 78, Nicht-IKT n = 66



Darstellung der wichtigsten Erfolgsfaktoren, die aus Sicht der befragten Experten im Jahr 2020 entweder das positive Entwicklungsszenario beeinflussen oder dem negativen Entwicklungsszenario entgegenwirken.

„Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich im Jahr 2020. Welche der im Folgenden aufgeführten Faktoren sind auszubauen bzw. zu stärken, um diese positive Entwicklung zu bewirken / der negativen entgegenzuwirken?“

Basis: Verstärker n = 72, Verhinderer n = 71



Knapp die Hälfte der Experten glaubt an wirtschaftlichen Erfolg durch europäische Vielfalt

„Inwieweit trifft Ihrer Meinung nach folgende Aussage zu? Die europäische Vielfalt (z. B. Mehrsprachigkeit, verschiedene Kulturen) wirkt sich positiv auf den wirtschaftlichen Erfolg europäischer Unternehmen aus.“

Basis: n = 143


Deskription

Die Aussage, dass Europa aktuell aufgrund seiner wenig selbstbewussten Positionierung von der Wirtschaft als Nachzügler wahrgenommen wird, bestätigen fast alle Experten (83 Prozent). Ein langsamer Wechsel dieser Wahrnehmung wird für das Jahr 2020 erwartet, hier geht knapp ein Drittel der Experten (30 Prozent) bereits von einer selbstbewussten Leitregion aus und für 2025 stimmt dann über die Hälfte der Befragten (58 Prozent) dieser positiven Entwicklung zu, während ein Viertel (24 Prozent) noch immer von einer negativen Entwicklung ausgeht.

Modernste digitale Infrastrukturen (64 Prozent), kontinuierliche Innovationsleistung sowie Forschung und Entwicklung (57 Prozent), qualifizierte Ausbildung (51 Prozent) sowie Datensicherheit und Datenschutz (51 Prozent) verstärken nach Expertenmeinung eine positive Entwicklung, während moderne Ausbildung (56 Prozent), Kreativität und Offenheit (54 Prozent), moderne digitale Infrastrukturen (54 Prozent) und Unternehmermentalität (51 Prozent) die negative Entwicklung verhindern.

Ungefähr die Hälfte der Befragten (47 Prozent) sieht in der europäischen Vielfalt einen erfolgversprechenden Faktor.

Interpretation

Aktuell stellt das geringe Selbstbewusstsein Europas auf dem digitalen Sektor eine klare Achillesferse dar – es scheint, als spiele die Region keine Rolle im weltweiten Vergleich. In einer globalen digitalen Wirtschaft ist die Durchschlagskraft global agierender Unternehmen offenbar so stark, dass aktuell wohl nur ein geringer Bedarf an lokaler oder regionaler digitaler Wirtschaft gesehen wird. Die großen Player scheinen über alle maßgeblichen Erfolgsfaktoren zu verfügen und diese so effizient einzusetzen, dass europäische Alternativen sich nur begrenzt und langsam entwickeln können.

Um in dieser Situation einen Wandel hervorzurufen, werden die nächsten fünf Jahre eine entscheidende Rolle spielen. Wir befinden uns offenbar in einer kritischen Phase, denn auch für die nächsten fünf Jahre glaubt die Hälfte der Befragten, dass die europäischen Länder weiterhin Nachzügler bleiben werden. Doch in Anbetracht der Entwicklungsgeschwindigkeit der digitalen Welt hat Europa nur wenige Jahre zur Verfügung, um auf den Zug der Digitalisierung aufzuspringen.

Wege in die digitale Zukunft

Bei der Einschätzung, welche Erfolgsfaktoren Europa zu einer Leitregion heranwachsen lassen, werden von den Experten häufig sogenannte Hygienefaktoren genannt. Sie lassen sich auch als „alte Klassiker“ beschreiben, welche in der Vergangenheit funktioniert haben und auf welche sich die deutsche Wirtschaft in Anbetracht der derzeitigen Situation besinnt. Dazu zählen moderne digitale Infrastrukturen, Forschung und Entwicklung, Ausbildung und Verständnis der digitalen Ökonomie. Es zeigt sich durch die Hervorhebung dieser Hygienefaktoren, dass vor allem noch viel Grundlagenarbeit getan werden muss, um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können.

Handlungsimpulse

  • Mit alleiniger Konzentration auf diese Hygienefaktoren wird sich die deutsche Wirtschaft nur schwerlich zum Gestalter und Treiber der Digitalisierung wandeln. Notwendig sind vor allem eine globale Ausrichtung und das Setzen von internationalen Standards, um skalierbare Produkte auf den Markt zu bringen. Ein positives Beispiel, auf welchem sich die europäische Wirtschaft in dieser Weise hervorheben kann, sind die Themen IT-Sicherheit und Datenschutz sowie Industrie.
  • Um in Europa und insbesondere in Deutschland auch in Zukunft weiter erfolgreich wirtschaften zu können und eine der Leitregionen der Welt zu bleiben, ist im Wirtschaftsraum Europa ein aktiver Bewusstseinswandel aller relevanten Gruppen vonnöten. Es ist die Wahrnehmung dafür zu schärfen, dass die europäische Wirtschaft in naher Zukunft das Risiko eingeht, dauerhaft auf dem digitalen Sektor den Anschluss an die Weltspitze zu verlieren und dass daraus zwangsläufig eine Nachzügler-Position in den angestammten Kernbranchen und Industrien resultieren kann. Denn in Anbetracht der globalen Player der digitalen Wirtschaft, welche in hoher Geschwindigkeit umfassende Durchschlagskraft erzielen, steigt das Risiko, in regionale Nischenmärkte gedrängt zu werden und dort auf viel kleinerer Basis Erfolg zu haben. Das Bewusstsein bezüglich der wirtschaftlichen Kompetenzen, vor allem in den klassischen Branchen, ist zu stärken. Außerdem sollte eine „Mut-Strategie“ Deutschland entwickelt werden.
  • Der Mittelstand in Deutschland ist gerade auch in der Umsetzung und Anwendung digitaler Technologien eine zu wenig beachtete Größe, welche es gilt herauszustellen und nach Kräften zu unterstützen. In Anbetracht des negativen Zukunftsszenarios, welches sich durch die Konkurrenz aus den USA und Asien abzeichnet, bieten Mittelständler Beispiele von aussichtsreichen Strategien aus der aktuellen Situation hin zu Wegen in die digitale Zukunft. Deutschland kann zu Recht stolz auf seine zahlreichen „Hidden Champions“ sein, die durch Spezialisierung und Nähe zum Kunden erfolgreich und zum Teil Weltmarktführer sind. Um dies auch zukünftig weiter zu forcieren, ist der Mittelstand gerade in Bezug auf die digitale Transformation weiter zu unterstützen und zu fördern. Eine wichtige Rolle könnten hier Kooperationen mit großen Unternehmen spielen.
  • Die deutsche Wirtschaft sollte sich ihrer Stärken bewusst werden und selbstbewusst neue Entwicklungsfelder gestalten. „Hidden Champions“, vor allem im Mittelstand, dienen als Orientierungspunkte für Wettbewerbsfähigkeit und Innovationsvorsprung der deutschen Wirtschaft.
  • Mittelständler sowie Großunternehmen in Deutschland müssen sich daher durch innovative Anwendungsentwicklungen und in geeigneten branchenspezifischen und branchenübergreifenden, internationalen Verbünden an Schlüsselstellen aufstellen, um die Ausgestaltung der Digitalisierung mitbestimmen zu können. Industriekonsortien, welche die Themenfelder gestalten, auf denen Europa Kompetenz und Deutungshoheit hat, sind wirtschaftspolitisch zu fördern.
  • Bei überregionalen Themen sollte man auf europäischer Ebene ansetzen und ein Leitbild kreieren, welches beschreibt, wofür Qualität „Digital made in Europe“ zukünftig im globalen Wettbewerb stehen soll. Dem vorausgehend, sollte ein klares Stärken-Schwächen-Profil der Wirtschaft auf EU-Ebene abgebildet werden. Aus diesen Erkenntnissen heraus können sich einzelne Wirkfelder ergeben, in welchen Europa als digitaler Markt zukünftig wachsen wird. Hier bietet sich zum Beispiel Datensicherheit als „unique selling proposition“ an – es sind aber sicher noch deutlich mehr solcher Wirkfelder zu finden und zu positionieren.