Fachkräftemangel und ungenügende IKT-Grundbildung als Wachstumshemmer in Deutschland

These im Wortlaut

Fachkräftemangel – vor allem im MINT-Bereich (Mathematik, Ingenieurswissenschaften, Naturwissenschaften, Technik) – bedeutet eine strukturelle Herausforderung und ein wirtschaftliches Wachstumshemmnis für Unternehmen in Deutschland.

Erkenntnis

Der immer stärker werdende Fachkräftemangel im digitalen Sektor in Deutschland wird als strukturelle Herausforderung erkannt. Zur Verbesserung sollten die Vernetzung zwischen Bildungseinrichtungen und Wirtschaft gestärkt und die Lehrerausbildung verbessert werden – vor allem die Politik ist hierbei als Treiber gefordert.

Einführung

Strukturell wandeln sich die Arbeitswelt sowie die industriellen und sonstigen Geschäftsprozesse in kürzer werdenden Intervallen. Eine florierende Wirtschaft ist bei diesem Wandel auf ein ausreichendes Reservoir von Fachkräften angewiesen, aus dem sie schöpfen kann. Diese Fachkräfte müssen auf die entsprechenden Bedürfnisse und Erfordernisse (Stichwort Wandlungsfähigkeit) geschult sowie in erforderlicher Qualität und Anzahl ausgebildet werden. Aktuell ist dies in Deutschland nicht in ausreichendem Maße der Fall.


These: Fachkräftemangel – vor allem im MINT-Bereich (Mathematik, Ingenieurswissenschaften, Naturwissenschaften, Technik) – bedeutet eine strukturelle Herausforderung und ein wirtschaftliches Wachstumshemmnis für Unternehmen in Deutschland.

„Inwieweit trifft diese These auf die Situation in Deutschland zu?“

Basis: Gesamt n = 126, IKT n = 78, Nicht-IKT n = 48


Deskription

Knapp zwei Drittel der befragten Experten (61 Prozent) stimmen der oben genannten These zu, das heißt sie sehen 2014 den derzeitigen Fachkräftemangel als strukturelle Herausforderung sowie als wirtschaftliches Wachstumshemmnis für Deutschland. Mittelfristig betrachtet steigt dieser Anteil für das Jahr 2020 um über 10 Prozentpunkte auf 74 Prozent an. In der langfristigen Betrachtung sinkt der Wert wieder leicht ab – 67 Prozent stimmen der These für das Jahr 2025 zu.

Interpretation

Die relativ hohen Werte sowohl für 2014 als auch für die übrigen zwei abgefragten Zeiträume stützen die oben aufgeführte These, dass eine nicht adäquate schulische und weiterführende Ausbildung der deutschen Wirtschaft auf Dauer schaden wird. Das Problem wird sich über die nächsten sechs Jahre weiter verschärfen, da – unabhängig von den hier ebenfalls relevanten demografischen Entwicklungen – der Bedarf an gut ausgebildeten IT-Kräften weiter steigen wird. Das Vertrauen in aktuell initiierte Maßnahmen ist niedrig. Es werden mittelfristig keine positiven Effekte erwartet, eher das Gegenteil. Der kontinuierlich steigende Bedarf an IT-Fachkräften verlangt eine dynamische Ausbildung, die mit den sich ständig ändernden Anforderungen Schritt hält und ihnen zyklisch sogar vorauseilt. Eine gewisse Nachhaltigkeit der Maßnahmen ist – wenn überhaupt – nur in der langfristigen Perspektive gegeben, aber auch hier glauben nach wie vor zwei Drittel der Experten, dass Deutschland im Bildungskanon nur unzureichend auf die Anforderungen der digitalisierten Wirtschaft reagiert. Auch und gerade vor dem Hintergrund schnell wachsender Volkswirtschaften wie Brasilien, Korea und nach wie vor China mit sehr fokussierten und zielorientierten Schülern und Studenten, ist diese Skepsis bezüglich der Nachhaltigkeit der einzuleitenden Maßnahmen bemerkenswert.


Darstellung der Eintrittswahrscheinlichkeit zweier gegensätzlicher aus der These resultierenden Entwicklungsszenarien aus Sicht der befragten Experten.

„Im Folgenden zeigen wir Ihnen zwei Entwicklungsmöglichkeiten: Bitte kreuzen Sie an, welche Entwicklungsalternative Ihnen wahrscheinlicher erscheint heute / im Jahr 2020 / im Jahr 2025.“

Basis: Gesamt n = 126, IKT n = 78, Nicht-IKT n = 48



Darstellung der wichtigsten Akteure, die aus Sicht der befragten Experten im Jahr 2020 entweder das positive Entwicklungsszenario beeinflussen oder dem negativen Entwicklungsszenario entgegenwirken.

„Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich im Jahr 2020. Welche der im Folgenden aufgeführten Akteure können diese positive Entwicklung bewirken / der negativen entgegenwirken?“

Basis: Verstärker n = 61, Verhinderer n = 60



Vor allem breites, übergreifendes Wissen sowie vernetztes Denken werden durch internationale Bildungsvorgaben reduziert.

„Wenn Sie an Deutschland denken, inwieweit treffen Ihrer Meinung nach die folgenden Aussagen zu: Die Ausrichtung an internationalen (angloamerikanischen) Bildungsvorgaben und Standards wirkt sich negativ aus auf…?“

Basis: n = 126


Deskriptiv

Vor die Wahl der oben aufgeführten zwei Entwicklungsalternativen gestellt, befürworten knapp drei Viertel (73 Prozent) der befragten Fachleute die negative Aussage, dass die deutsche Ausbildung heute nicht zu einem adäquaten Umgang mit digitalen Technologien führt. Dieser Wert kehrt sich langfristig um, sodass die optimistische Alternative für das Jahr 2025 nun von 73 Prozent als die wahrscheinlichere angesehen wird. Mittelfristig gesehen, das heißt für das Jahr 2020, hält gut die Hälfte der Befragten (52 Prozent) den positiven Entwicklungsstrang, der davon ausgeht, dass Arbeitnehmer mit den Herausforderungen der digitalen Welt umgehen können, für wahrscheinlicher.

Um diese positive Entwicklung zu erreichen, ist in den Augen des Expertenkreises vor allem die deutsche Politik (Verstärker positiv: 74 Prozent, Verhinderer negativ: 85 Prozent) gefordert. Aber auch die deutsche Zivilgesellschaft (Verstärker positiv: 62 Prozent, Verhinderer negativ: 57 Prozent) und die Wirtschaft in Deutschland (Verstärker positiv: 59 Prozent, Verhinderer negativ: 63 Prozent) spielen eine große Rolle, um die Ausbildung so zu modernisieren, dass Deutschland den Herausforderungen der digitalen Welt gewachsen ist.

Gefragt nach der Beurteilung der Ausrichtung an internationalen, vor allem angloamerikanischen Ausbildungsstandards, befürchten fast zwei Drittel (61 Prozent), dass dadurch ein breites Basiswissen verlorengeht. Auch die Auseinandersetzung mit fachfremden Themen (47 Prozent), ein vernetztes und übergreifendes Denken (43 Prozent) sowie das qualitätsorientierte Denken (40 Prozent) kämen zu kurz.

Interpretation

Die Annahme, dass unsere Bildungsinstitutionen zu wenig auf die Erfordernisse der digitalisierten Wirtschaft ausgerichtet sind, wird durch die Ergebnisse klar bestätigt. Das Problem ist offensichtlich be- und erkannt und wird von einem Großteil der Experten als Schwachpunkt der deutschen Wirtschaft heute und vor allem in der Zukunft gesehen. Der demographische Wandel wird zu einer weiteren Zuspitzung des Mangels an gut ausgebildeten einheimischen Fachkräften führen.

Maßnahmen, welche dieser Entwicklung entgegenwirken, müssen vorhaltend und langfristig ergriffen werden, wobei sowohl der Politik in Deutschland als auch der Zivilgesellschaft und der Wirtschaft generell herausragende Rollen zukommen. Da die Handlungsnotwendigkeit eindeutig ist, sind die Erwartungen hoch, dass adäquat reagiert wird. Dabei sind Optimismus und Vertrauensvorschuss so groß, dass, wenn es den geforderten Akteuren gelingt, die richtigen Maßnahmen zu ergreifen und umzusetzen, die Entwicklung in Deutschland positiv verlaufen wird. Dies zeigt der hohe Prozentsatz derjenigen Experten, die glauben, dass es Deutschland unter den richtigen Voraussetzungen langfristig gelingen wird, digitale Technologien und adäquate Lehre in die Ausbildung zu integrieren.

Unsere Experten glauben an die Wandlungsfähigkeit unseres Ausbildungssystems, wobei eine Ausrichtung an angloamerikanischen Standards polarisiert. Die bisherige „deutsche Allgemeinbildung“ ist offensichtlich ein hohes und differenzierendes Gut unserer Ausbildung, das nicht leichtfertig zur Seite gelegt werden sollte. Überraschend sind die geringen Erwartungen an Wissenschaft und Medien als mögliche Treiber von positiven Entwicklungen. Offenbar wird beiden Akteuren bei diesen langfristigen Themen keine ausreichend aktive Rolle zugetraut.

Wege in die digitale Zukunft

Generell gilt: Wirtschaft und Gesellschaft fordern von der Politik aktives Handeln zur Förderung und Neuorientierung der Ausbildung als Grundlagenleistung ein – die Erwartungen sind in diesem Bereich sehr groß. Der Bedarf für konkrete Verbesserung und Maßnahmen ist klar zu erkennen und wird von den Experten auch hervorgehoben. Allerdings wird deutlich, dass es kein Vertrauen in kurzfristig greifende Maßnahmen gibt. Die Einschätzung der negativen Auswirkungen einer einseitigen Ausrichtung an internationalen (angloamerikanischen) Bildungsvorgaben und Standards sollte dazu führen, den eingeschlagenen Weg der Bildungsreform dringend zu überdenken. Ziele wie breites Basiswissen, fachübergreifendes Verständnis und vernetztes Denken sind für die Wirtschaft als zentrale Anliegen benannt und sicher auch ein anzustrebendes Ziel aus gesamtgesellschaftlicher Sicht.

Um digitale Wissensvermittlung in Schule und Bildungsinstitutionen zu integrieren, sind langfristige Kooperationen und Vernetzung zwischen heute häufig noch solitär agierenden Akteuren wie Verbänden, Wirtschaft und Bildungseinrichtungen unabdingbar.

Die notwendige digitale Ausbildungsoffensive, die auch und besonders die Lehrerausbildung umfassen muss, ist gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels unausweichlich und erfordert langfristige Perspektiven und einen Bewusstseins- und Verständniswandel: IKT ist keine Einzeldisziplin sondern Bestandteil vieler Fachbereiche, wie zum Beispiel Bioinformatik oder Medieninformatik. Föderale Blockaden, (zu) lange Ausbildungszeiten und kurzfristiges Denken sind hierbei Hemmer auf dem Weg zu einem Erfolg. Positive Vorbilder sollten neu identifiziert und genutzt werden. Ebenso sollte das Wissen darum gefördert werden, was IKT für unseren heutigen Wohlstand bedeutet und wo sie überall zum Einsatz kommt.

Handlungsimpulse

  • Auch wenn das Problem des Fachkräftemangels mehrere Facetten hat, auf die hier nicht im Einzelnen eingegangen werden kann, spielt Bildung sicherlich eine wichtige Rolle. Vor dem Hintergrund der in ähnlichen Thesen schon angesprochenen Grundfragestellung „Welche Kompetenzen erfordert die digitale Wirtschaft?“ sollten daher zwischen Verbänden, Wirtschaft und Bildungseinrichtungen langfristige Kooperationen und Vernetzungen etabliert werden, die sich der Integration von digitaler Wissensvermittlung in Schule und Bildungsinstitutionen widmen.
  • Dabei muss unbedingt erkannt werden, dass IKT keine Einzeldisziplin ist, sondern eine Querschnittsfunktion hat und Bestandteil vieler Disziplinen und Branchen ist.
  • Um Schüler vor allem aus bildungsfernen Schichten zum Umgang mit digitalen Medien zu motivieren, sollten zum Beispiel Gaming und Infotainment via iPads schon in die Kindergärten und spätestens dann in den Unterricht von Grund- und weiterführenden Schulen integriert werden.
  • Die Lehrerausbildung und -fortbildung in Richtung IKT-Wissen und -Anwendung muss schnellstmöglich verbessert und obligatorisch gemacht werden. Hier besteht dringender Handlungsbedarf.
  • Zur einfacheren Rekrutierung von Arbeitskräften sollten die Rekrutierungsprozesse und Migrationsbestimmungen verschlankt werden.
  • Zur Anwerbung qualifizierter Fachkräfte sind organisatorische, finanzielle und nicht finanzielle Anreize zu prüfen, die – auch vor dem Hintergrund des existierenden Wertewandels – eine zunehmend wichtige Rolle spielen.