Das Ausnutzen relevanter Netzeffekte gelingt zu selten

These im Wortlaut

In Deutschland wird im Bereich der Wirtschaft die Bedeutung eines „je schneller desto besser bzw. first-come-first-serve“-Ökosystems für neue Märkte häufig unterschätzt, so dass Netzeffekte nicht oder zu spät zur Wirkung kommen. Mögliche Markt- und Technologieführung wird nicht übernommen und dadurch zunehmend anderen überlassen.

Erkenntnis

Die Schaffung eigener Ökosysteme, in denen sich schnell Netzeffekte erzielen lassen, wird von den Experten als eine derzeit nicht eingelöste und in den kommenden Jahren schwer zu überwindende Herausforderung für die deutsche Wirtschaft gesehen. Um derartige Ökosysteme zu schaffen und auszuweiten, sollten Skalierungs- und Internationalisierungsstrategien von Beginn an verfolgt und gegebenenfalls durch Kooperationsbeziehungen realisiert werden.

Einführung

Vor allem bei digitalen Produkten und Services erfolgt deren breite Akzeptanz und Nutzung erst, wenn viele andere Nutzer diese nutzen. Dahinter steckt das Prinzip der Netzeffekte, nach dem sich der Nutzen für den Einzelnen durch den Gebrauch eines Gutes durch jeden zusätzlichen Nutzer erhöht. Insofern hängt die Bereitschaft zur individuellen Nutzung stark von der Anzahl der übrigen Nutzer ab. Ziel des Anbieters ist es daher, potenzielle Kunden frühzeitig an die Nutzung zu binden, um schnell eine sogenannte kritische Masse aufzubauen. Gelingt dies, lassen sich de-facto- oder proprietäre Standards setzen, wodurch Markteintrittsbarrieren aufgebaut werden. In Folge derartiger Effekte oder weiterer Ausschlussfaktoren anderer Marktteilnehmer kommt es in diesem Zusammenhang häufig zu anbieterdominierten Märkten oder gar Monopolstellungen. Aktuell stammen in Deutschland eingesetzte und auf Netzeffekten basierende Technologien, Standards oder Plattformen vor allem von Anbietern aus dem Ausland wie den USA oder Asien.


These: In Deutschland wird im Bereich der Wirtschaft die Bedeutung eines „je schneller desto besser bzw. first-come-first-serve“-Ökosystems für neue Märkte häufig unterschätzt, so dass Netzeffekte nicht oder zu spät zur Wirkung kommen. Mögliche Markt- und Technologieführung wird nicht übernommen und dadurch zunehmend anderen überlassen.

„Inwieweit trifft diese These auf die Situation in Ihrem Unternehmen zu?“

Basis: Gesamt n = 137, IKT n = 65, Nicht-IKT n = 72


Deskription

Derzeit vertritt die Hälfte der Befragten (49 Prozent) die Ansicht, dass Netzeffekte von der deutschen Wirtschaft zu selten realisiert werden, wodurch die Marktführerschaft ausländischen Firmen überlassen wird. Für das Jahr 2020 vertreten nur ein Drittel der Experten (34 Prozent) diese Ansicht und bis 2025 wird die Zustimmung um weitere neun Prozentpunkte abnehmen (25 Prozent).

Interpretation

Netzeffekte, sowie die Potenziale, die sich in puncto Marktmacht und Kundenbindung daraus ergeben, sind in der digitalen Ökonomie mittlerweile allgegenwärtig. Dennoch scheint die Bedeutung des Themas in der deutschen Wirtschaft noch nicht angekommen zu sein. Erfolgreiche Strategien, um in diesem Bereich eine eigene starke Position zu besetzen, müssen scheinbar noch gefunden werden. In der Zwischenzeit werden die Angebote der Konkurrenz genutzt, auf Basis derer man seine eigenen Geschäftsmodelle im digitalen Bereich vorantreibt.

Überraschenderweise gehen die Experten allerdings von einer mittelfristigen Änderung der Lage zugunsten deutscher Unternehmen aus. Entweder gelingt es zukünftig, eigene Ökosysteme zu kreieren und durch Netzeffekte zu manifestieren oder Unternehmen partizipieren zukünftig durch Kooperationen in existierenden Ökosystemen. In Anbetracht der exponentiell skalierenden Ökosysteme ausländischer Anbieter, die heute längst die kritische Masse überschritten haben, stellt sich allerdings die Frage, ob der deutschen Wirtschaft überhaupt ausreichend Zeit bleibt, um eigene Standards zu setzen und darauf aufbauend Ökosysteme zu etablieren. Denn dafür sind zum Teil radikale Änderungen existierender Produkt- und Dienstleistungsstrategien erforderlich. Zudem ist ständig zu prüfen, ob die eigenen Produkte für die Schaffung von Ökosystemen mit Netzeffekten überhaupt geeignet sind. Eine radikale Umorientierung sämtlicher Produktstrategien in derartige Ökosysteme macht sicherlich wenig Sinn.


Darstellung der Eintrittswahrscheinlichkeit zweier gegensätzlicher aus der These resultierenden Entwicklungsszenarien aus Sicht der befragten Experten.

„Im Folgenden zeigen wir Ihnen zwei Entwicklungsmöglichkeiten: Bitte kreuzen Sie an, welche Entwicklungsalternative Ihnen wahrscheinlicher erscheint heute / im Jahr 2020 / im Jahr 2025.“

Basis: Gesamt n = 136, IKT n = 65, Nicht-IKT n = 71



Darstellung der wichtigsten Erfolgsfaktoren, die aus Sicht der befragten Experten im Jahr 2020 entweder das positive Entwicklungsszenario beeinflussen oder dem negativen Entwicklungsszenario entgegenwirken.

„Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich im Jahr 2020. Welche der im Folgenden aufgeführten Faktoren sind auszubauen bzw. zu stärken, um diese positive Entwicklung zu bewirken / der negativen entgegenzuwirken?“

Basis: Verstärker n = 59, Verhinderer n = 76



Vor allem „Always-connected“ und „Lock-In-Effekte“ sind den deutschen Experten bekannte Begriffe.

„Welche der im Folgenden aufgeführten Prinzipien der digitalen Ökonomie kennen Sie?“

Basis: n = 135



Die Prinzipien der digitalen Ökonomie werden zukünftig an Bedeutung gewinnen, vor allem jene, die den Konsumenten ins Zentrum rücken.

„Welche Bedeutung haben diese Prinzipien für die positive wirtschaftliche Entwicklung Ihres Unternehmens?“

Basis: n = jene Personen, welche die angegebenen Begriffe zu den Prinzipien der digitalen Ökonomie kennen


Deskription

Zurzeit gehen zwei Drittel der Experten (66 Prozent) davon aus, dass die deutsche Industrie sich der Ökosysteme ausländischer Firmen bedienen muss, da es ihr bisher nicht gelungen ist, das Potenzial der digitalen Ökonomie für sich zu nutzen. Für das Jahr 2020 vertreten nur 45 Prozent diese Auffassung und für das Jahr 2025 wird von knapp der Hälfte (48 Prozent) erwartet, dass eigene Ökosysteme etabliert werden können. Über die Zeit steigt der Anteil derer, die sich keines der beiden Szenarien vorstellen können, auf ein Viertel (24 Prozent) an.

Verstärker einer positiven zukünftigen Entwicklung sind das Verständnis der digitalen Ökonomie (54 Prozent), kontinuierliche Innovationsleistung und Forschung und Entwicklung (53 Prozent), qualifizierte Ausbildung (51 Prozent) und modernste digitale Infrastrukturen (51 Prozent). Um eine negative zukünftige Entwicklung zu verhindern, spielen ebenfalls kontinuierliche Innovationsleistung und Forschung und Entwicklung (58 Prozent) eine wichtige Rolle, gefolgt von Kreativität und Offenheit (55 Prozent) und Unternehmermentalität (54 Prozent).

Prinzipien der digitalen Ökonomie, die für eine positive Entwicklung deutscher Unternehmen vor allem wichtig sein werden, sind unter anderem: der Konsument im Zentrum (2014: 53 Prozent, 2020: 79 Prozent), Lock-in-Effekte (2014: 48 Prozent, 2020: 60 Prozent), Netzeffekte (2014: 40 Prozent, 2020: 75 Prozent) sowie Always-connected (2014: 34 Prozent, 2020: 77 Prozent).

Interpretation

Der Mangel an eigenen Ökosystemen, der deutsche Unternehmen zur Nutzung von Diensten aus dem Ausland zwingt, wird von den Experten deutlich erkannt. Der zögerliche Rückgang dieser Einschätzung über die Jahre lässt an dieser Stelle auf keine raschen Änderungen hoffen. Die mangelnde Hoheit und Prägung eigener Produkt- und Dienstleistungsökosysteme durch deutsche Unternehmen wird zwar abnehmend, aber dennoch dauerhaft als Schwäche angesehen. Die Zuversicht, dass durch Schaffung eigener Ökosysteme internationale Standards etabliert werden können und im globalen Wettbewerb aufgeholt werden kann, ist heute nur sehr schwach ausgeprägt. Mit Blick auf die deutsche Wirtschaft scheint die Einschätzung der Situation eine realistische zu sein. Hier könnte es eine Rolle spielen, dass im europäischen Kontext – anders als bei den Anbietern aus Asien oder den USA – grundsätzlich kleinere nationale Märkte adressiert werden. Dennoch sollten auch deutsche Unternehmen von Beginn an eine rasche Internationalisierung anstreben und diese durch den zunehmend immateriellen beziehungsweise digitalen Anteil dieser Ökosysteme kostengünstig und gegebenenfalls auch (noch) aus dem Heimatmarkt realisieren können.

Die Ergebnisse der Befragung lassen sich insofern als Aufforderung an die deutsche Wirtschaft verstehen, hier deutlich aktiver zu werden. Da Netzeffekte zu den zentralsten Themen der digitalen Ökonomie zählen, verwundert es nicht, dass das Verständnis, wie man im digitalen Sektor agiert, als der wichtigste zukünftige Erfolgsfaktor gewertet wird. Um neue, auf die aktuellen Herausforderungen angepasste Systeme auf den Markt zu bringen, sind nach Meinung der Experten zudem kontinuierliche Innovationsleistung und Forschung und Entwicklung notwendig. Auffällig ist, dass dem allgemein als sehr wichtig erachteten Thema Finanzierungskonzepte von den Experten nur eine vergleichsweise geringe Bedeutung zugemessen wird. Insbesondere zur Etablierung eines Ökosystems ist jedoch oftmals, vor allem in der initialen Wachstumsphase, ein erheblicher Kapitalbedarf erforderlich, um ausreichend Kunden und Partner zur schnellen Erreichung einer kritischen Masse oder Etablierung eines Standards zu akquirieren. Erstaunlich ist ebenfalls, dass dem Thema Vernetzung und globale Ausrichtung wenig Bedeutung zugemessen wurde – sind doch gerade diese beiden Erfolgsfaktoren entscheidende Grundvoraussetzungen für die Skalierbarkeit von Ökosystemen.

Wege in die digitale Zukunft

Die Relevanz der Problematik mangelnder Netzeffekte scheint den befragten Experten bewusst zu sein. Der verhaltene Optimismus bezüglich der Zukunft unterstreicht deutlich den akuten Handlungsbedarf. Offensichtlich ist, dass das Aufholen in diesem Bereich für die deutsche und europäische Wirtschaft eine der schwierigsten Herausforderungen darstellt – setzt der Aufbau von eigenen Ökosystemen doch große Offenheit für neue Kooperationen, Schnelligkeit beim Besetzen neuer Nischen und Risikobereitschaft für deren Skalierung voraus.

Handlungsimpulse

  • Unternehmen und Politik sollten offener für die Bedeutung und die Konsequenzen von Netzeffekten in der digitalen Wirtschaft werden.
  • Unternehmen sollten ermutigt werden, konsequent Analysen der Marktsituation und des Kontextes sowie möglicher Hürden zur Realisierung von Netzeffekten durchzuführen und diese vor diesem Hintergrund umzusetzen.
  • Netzwerke und Allianzen deutscher und europäischer Unternehmens- und Branchenvertreter sollten aktiv gefördert und unterstützt werden, um die Potenziale durch Schaffung von Ökosystemen für die deutsche und europäische Wirtschaft im digitalen Kontext zu identifizieren und zu erschließen.
  • Gute Vernetzung und funktionierende Kooperationsbeziehungen in klassischen Industriezweigen sollten als Ausgangspunkt genommen werden, um eigene Ökosysteme zu kreieren und zu etablieren (Beispiele sind die Versorgungs-, Verwaltungs-, und Verkehrsinfrastrukturen).