Der Wirtschaftsfaktor „Nutzungsdaten“ als kommerzieller Wert

These im Wortlaut

Vorbehalte des Nutzers gegenüber Datenmissbrauch treten trotz der jüngsten Nachrichten gegenüber Vorteilen personalisierter Dienste zunehmend in den Hintergrund. Bei der Nutzung von beispielsweise Internetdiensten, Smartphones oder Software wie Apps sind Nutzern funktionale und monetäre Ziele wichtiger als Datenschutz und IT-Sicherheit.

Erkenntnis

Erst nach dem Aufbau von Medienkompetenz und der Entwicklung von IT-Sicherheitslösungen in Deutschland kann der Weg in die „digitale Gesellschaft und Wirtschaft“ souverän beschritten werden. Die Sicherheitskompetenz Deutschlands ist eine ideale Basis, um Transparenz und Kontrolle im Umgang mit persönlichen Profildaten durch neue Funktionalitäten, Normen und Produkte zu einem weltweit nutzbaren Wirtschaftsvorteil zu gestalten.

Einführung

Welchen Wert stellen personenbezogene Profile dar und welche Nutzungsarten dieser Daten sind konsensfähig? Obwohl Geschäftsprozesse bereits auf ihnen aufbauen und große Unternehmen auf dieser Basis sehr erfolgreich weltweit agieren, beinhaltet diese Frage eine vielschichtige, fundamentale Kontroverse.

Im Rahmen heutiger personenbezogener Kommunikations- und Geschäftsprozesse gewinnen aktuelle Nutzen- oder Komfortvorteile klar gegenüber der Gefahrenvermeidung von unklaren Risiken durch aufwändige, zusätzlich erforderliche Schutzmechanismen und damit verbundene zusätzliche Kosten. Die Nutzer sind zumeist nicht willens oder in der Lage, Risiken zu erkennen, Alternativen zu nutzen oder ihren eigenen informationellen Wert abzuschätzen bzw. zu instrumentalisieren.


These: Vorbehalte des Nutzers gegenüber Datenmissbrauch treten trotz der jüngsten Nachrichten gegenüber Vorteilen personalisierter Dienste zunehmend in den Hintergrund. Bei der Nutzung von beispielsweise Internetdiensten, Smartphones oder Software wie Apps sind Nutzern funktionale und monetäre Ziele wichtiger als Datenschutz und IT-Sicherheit.

„Inwieweit trifft diese These auf die Situation in Ihrer Branche zu?“

Basis: Gesamt n = 126, IKT n = 66, Nicht-IKT n = 60


Deskriptiv

Aktuell sehen zwei Drittel (65 Prozent) der befragten Fachleute diese These als bestätigt an. In den folgenden zehn Jahren nimmt dieser Anteil jedoch ab: Für 2020 stimmt noch gut die Hälfte der Experten der These zu (51 Prozent), 2025 dagegen nur noch 42 Prozent.

Interpretation

Ganz offensichtlich werden die Vorbehalte gegenüber der sorglosen Preisgabe der eigenen Nutzungsdaten steigen. Diese Entwicklung speist sich unter anderem aus der Überzeugung, dass in Zukunft das Sensibilisierungsniveau steigt. Doch auch das exponentiell steigende Volumen persönlicher Profildaten durch neue Erfassungs- und Anwendungsbereiche (Medizin, „life long personal“ Datamanagement) als Datenquellen trägt dazu bei. Zusätzlich gilt, dass mit Big Data und Massdata-Analytics noch weitreichendere Auswertungsmöglichkeiten der persönlichen Daten zu erwarten sind, was die Bedeutung und öffentliche Wahrnehmung steigern könnte.

Auf den ersten Blick mag diese Einschätzung überraschen, da auch eine umgekehrte Entwicklung möglich erscheint: Größere Bedenken heute, die mit den Jahren durch eine eventuelle Abstumpfung gegenüber Skandalen und Übergriffen tendenziell sinken. Auch nicht übersehen werden darf, dass ein nicht unerheblicher Teil der Experten in zehn Jahren den Nutzer als gänzlich unkritisch hinsichtlich der persönlichen Nutzung der eigenen Daten durch Dritte einstuft. Nach deren Meinung werden Nutzer nach wie vor Komfortaspekte über Datenschutz und IT-Sicherheit stellen. Aus diesem Grund ist anzunehmen, dass die wirtschaftlichen Erfolge der Datennutzung weiterhin sehr dominant sein werden: Ein großer Teil der Bevölkerung, so die Einschätzung, erkennt mögliche Gefahren nicht, welche in der unkontrollierten Preisgabe von persönlichen Daten liegen können.

Dieses Szenario hält aber nur der verhältnismäßig kleinere Teil der Befragten für wahrscheinlich, was zeigt, dass die fortschreitend tiefe Durchdringung aller Lebensbereiche durch IKT offenbar die Risiken deutlicher werden lässt. Dies kann zu einer gesellschaftlich breiter geführten Diskussion über Datenmissbrauch sowie einer gesteigerten Sensibilität hinsichtlich der persönlichen Datennutzung auch für rein kommerzielle Zwecke führen.


Darstellung der Eintrittswahrscheinlichkeit zweier gegensätzlicher aus der These resultierenden Entwicklungsszenarien aus Sicht der befragten Experten.

„Im Folgenden zeigen wir Ihnen zwei Entwicklungsmöglichkeiten: Bitte kreuzen Sie an, welche Entwicklungsalternative Ihnen wahrscheinlicher erscheint heute / im Jahr 2020 / im Jahr 2025.“

Basis: Gesamt n = 126, IKT n = 66, Nicht-IKT n = 60



Technische Mittel sowie die Förderung der Medienkompetenz werden Vorbehalten gegenüber Datenmissbrauch und gläsernem Menschen entgegenwirken.

„Wenn Sie an Deutschland denken, inwieweit treffen Ihrer Meinung nach die folgenden Aussagen zu? Vorbehalte gegenüber Datenmissbrauch und gläsernem Menschen werden bis 2020 abgebaut werden durch…“

Basis: n = 125


Deskriptiv

Von den zwei aufgeführten Entwicklungsszenarien sehen die befragten Fachleute die kritische Haltung gegenüber der unkontrollierten Verwendung der persönlichen Daten aktuell (2014) nur zu einem Drittel (30 Prozent) als wahrscheinlich an. Bis 2025 wird allerdings mehrheitlich davon ausgegangen, dass die Nutzer aufgrund ihrer zunehmend kritischen Haltung mehr Transparenz hinsichtlich der Datenverwendung einfordern werden (68 Prozent vs. 25 Prozent, welche die unkritische Haltung als wahrscheinlicher einstufen).

Als wichtigstes Mittel, um Vorbehalte gegenüber Datenmissbrauch abzubauen, werden technische Mittel gesehen (58 Prozent), gefolgt von Maßnahmen, welche die Medienkompetenz fördern (51 Prozent), gesetzliche Regelungen (41 Prozent) und neue Anbieter (40 Prozent), die mit ihren Angeboten auf das gesteigerte Sicherheitsbedürfnis abzielen.

Interpretation

Die derzeit eher unkritische Haltung der Nutzer gegenüber der Verwendung ihrer Daten zu kommerziellen Zwecken scheint im Moment keine Achillesferse für die deutsche Wirtschaft darzustellen. Doch sie hat das unbedingte Potenzial, durch eine zunehmend kritische Nutzerhaltung, eine solche zu werden – hier sind sich alle beteiligten Experten einig und fordern adäquates Reagieren von Politik, Wissenschaft und Wirtschaft ein. Durch die zunehmend skeptische Haltung der Nutzer werden bereits heute Veränderungen angestoßen. Es werden so jene Akteure priorisiert, welche Maßnahmen und Konzepte entwickeln, die für mehr Akzeptanz und vor allem Kontrolle und Transparenz im Bereich des Umgangs mit persönlichen Profildaten durch Dritte sorgen.

Verständlicherweise werden vor allem technische Mittel bzw. der technologische Fortschritt als Schlüssel zur Lösung des durch die Technik hervorgerufenen Dilemmas gesehen: Vor allem Sicherheitsmechanismen, Identitätsmanagement, Datenverfallszeiten oder andere technische Funktionalitäten scheinen geeignet, die steigenden Vorbehalte gegenüber der unkontrollierten Datennutzung auszuräumen und zur informationellen Selbstbestimmung und Regulierung der Datenpreisgabe beizutragen. Wenn nicht ohnehin bereits sensibilisiert, haben deutsche Unternehmen durch das Vorhandensein einer kreativen Sicherheitswirtschaft und das vorhandene erhöhte Schutzbewusstsein in Politik und breiten Teilen der Bevölkerung im Vergleich zu anderen Ländern beste Voraussetzungen, um diesen Prozess anzustoßen, zu gestalten und zu bewältigen, sowie durch neue Produkte und Funktionalitäten wirtschaftliche Vorteile zu schöpfen.

Zusätzlich muss nach Einschätzungen der Experten die Handlungs-, Urteils- und Entscheidungsfähigkeit der Nutzer durch entsprechende Maßnahmen zur Förderung der Medienkompetenz beziehungsweise informationellen Bildung geschult werden. Hier sind eindeutig Politik und Wissenschaft in der Pflicht, sich den erkannten wachsenden Anforderungen zu stellen.

Die Aufgabe des Staates, seine Bürger zu schützen, scheint sich durch die immer zentralere Rolle der Digitalisierung zunehmend auch auf das Feld der Daten, besonders auch der persönlichen Profildaten, zu erweitern. So sieht ein Teil der Experten die Weiterentwicklung entsprechender gesetzlicher Regelungen in diesem Bereich als wichtigen Erfolgsfaktor an. Hier zeichnet sich wohl eine wachsende Daueraufgabe des Staates ab.

Wege in die digitale Zukunft

Ähnlich der Rolle Kaliforniens hinsichtlich der Vorgabe strenger Umweltrichtlinien, die zu einer weltweiten Akzeptanz der Standards geführt haben, könnte Europa eine Vorreiterrolle beim Setzen gesetzlicher Rahmenbedingungen für die Sicherheitsbranche zukommen. Chancen für die Wirtschaft liegen in neuen Geschäftsmodellen wie zum Beispiel Data Governance-Modellen oder Angeboten zum Schutz vor Identity Theft, die von neuen Anbietern und Playern auf den Markt gebracht werden.

Handlungsimpulse

  • Die Experten fordern gesetzliches Handeln und Regelungen für Mindeststandards in Bezug auf den Umgang mit persönlichen Profilen und Datenschutz. Für alle Anbieter in einem Markt müssen identische gesetzliche Vorgaben gelten, um Wettbewerbsasymmetrien auszuschließen.
  • Gefordert ist eine Orientierung des politischen Handelns, das entwickelt, gebündelt und so organisiert werden muss, dass sich die ständig wachsenden Einsatzfelder bezüglich dieser Thematik konvergent entfalten können. Eine gesellschaftliche, technische und wirtschaftliche Konsensplattform zur Umsetzung von intendierten politischen Schritten ist ausschlaggebend für den Erfolg dieser Maßnahmen.
  • Ein nach außen sichtbares Zusammenwirken verschiedenster Initiativen – ob nun Security Cluster, die Initiative D21 oder Cyber-Security-Verbünde – wird helfen, einen objektiv besseren und dem Nutzer erkenntlichen Schutz, eine direkte Kontrolle und größere Nutzungstransparenz privater Profildaten zu ermöglichen. Gleichzeitig wird die Wirtschaft mit Impulsen für zukunftsfähige neue Funktionalitäten versorgt. Über die Medien kommunizierte Erfolgstories und Dialogplattformen fördern die vertrauensbildende Technologiegestaltung für Wirtschaft und Gesellschaft und tragen zur Schaffung eines positiven Klimas hinsichtlich einer digitalen, aufgeklärten Datennutzung bei.

Hierdurch und durch die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, die kreativ und transparent vermitteln, wie persönliche Daten gewinnbringend für beide Seiten genutzt werden können, kann der beginnenden Skepsis auch in breiteren Bevölkerungsteilen begegnet werden.

  • Generell jedoch gilt: Eine (institutionelle) Stärkung der individuellen Medienkompetenz bis hin zu einer Befähigung zum selbstbestimmten Umgang mit Informationen und Medien ist unabdingbar und geht über die Bedienung eines Rechners oder Mobiltelefons weit hinaus. Kultusministerien, Bildungsstätten und Wissenschaft werden dringlich aufgefordert, auf diese Anforderungen einen neuen Aktionsschwerpunkt zu setzen. Gerade vor dem Hintergrund der systembedingten Latenzzeiten, der bisherigen Trägheit in der Umsetzung und den unklaren Zuständigkeiten ist Eile geboten.