Wettbewerber China holt in deutschen Schlüsselindustrien weiter auf

These im Wortlaut

Unternehmen in Deutschland und Europa werden an Wettbewerbsfähigkeit in der digitalen Wirtschaft gegenüber chinesischen Anbietern verlieren, da die Skalierung von Produkten und Lösungen nicht auf die Größenverhältnisse von chinesischen und asiatischen Märkten abgestellt ist.

Erkenntnis

In den deutschen Schlüsselindustrien sowie im IKT-Sektor wird die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber ausländischen Anbietern wie zum Beispiel China abnehmen. Aktuell setzt die deutsche Wirtschaft auf das Marktpotenzial in China und auf Kooperationen und damit auch auf die Skalierbarkeit eigener Produkte im chinesischen Wirtschaftsraum. Eine tragfähige Strategie, wie dem neuen Wettbewerber zukünftig begegnet werden kann, ist derzeit nach Meinung der Experten nur bedingt in Sicht.

Einführung

Lange Zeit war China vor allem als Absatzmarkt für deutsche Produkte interessant. In den letzten Jahren – und vom politischen System gestützt – hat in China ein beispielloses Aufholen in wissensintensiven Branchen stattgefunden, das heißt in denjenigen Branchen, die als klassische deutsche Stärken gelten, aber auch im Bereich IKT.


These: Unternehmen in Deutschland und Europa werden an Wettbewerbsfähigkeit in der digitalen Wirtschaft gegenüber chinesischen Anbietern verlieren, da die Skalierung von Produkten und Lösungen nicht auf die Größenverhältnisse von chinesischen und asiatischen Märkten abgestellt ist.

„Inwieweit trifft diese These auf die Situation in Ihrem Unternehmen zu?“

Basis: Gesamt n = 137, IKT n = 71, Nicht-IKT n = 66


Deskription

Aktuell geht nur ein geringer Teil der Experten (17 Prozent) davon aus, dass deutsche oder europäische Unternehmen aufgrund von mangelnder Skalierungsfähigkeit auf asiatische Märkte in der digitalen Wirtschaft gegenüber chinesischen Anbietern an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Bis zum Jahr 2020 kommt es zu einem Anstieg um zwölf Prozentpunkte (auf 29 Prozent), die Zustimmungsrate zu der These bleibt dann bis 2025 ziemlich gleich (28 Prozent).

Interpretation

Die Gefährdung der Wettbewerbssituation durch chinesische Anbieter wird aktuell kaum als Problem wahrgenommen. Zukünftig wird die Konkurrenz durch chinesische Unternehmen als eine stärkere Herausforderung wahrgenommen, allerdings ist schwer absehbar, welche Maßnahmen sinnvoll ergriffen werden können, um dieser zu begegnen.

Eine Erklärung für die aktuell geringe Sorge kann darin begründet sein, dass China durch die Experten noch nicht stark als Konkurrent in Bezug auf eigene hiesige, etablierte Märkte wahrgenommen wird. Die hier vorliegende Problemstellung zielt auf die Konkurrenz zwischen deutschen und chinesischen Anbietern rein auf dem chinesischen Raum ab, nicht auf den internationalen Markt von deutschen Unternehmen. Deutschland hat seine eigenen Absatzmärkte und ist wenig interessiert an weiteren Märkten. Außerdem kennen möglicherweise viele Experten den Wettbewerber mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass auch dieser seine Schwächen hat. So sind viele chinesische Produkte nicht mehr unbedingt günstiger als hier produzierte.

Ein anderer Grund kann sein, dass die Experten den Verlust an Wettbewerbsfähigkeit in anderen Sachverhalten als der mangelnden Skalierbarkeit begründet sehen. So kann beispielsweise die staatliche Steuerung von Industrien, insbesondere der IKT-Industrie, ein bedeutsamer Faktor für die Wettbewerbsvorteile chinesischer Unternehmen auf dem eigenen Markt sein.


Darstellung der Eintrittswahrscheinlichkeit zweier gegensätzlicher aus der These resultierenden Entwicklungsszenarien aus Sicht der befragten Experten.

„Im Folgenden zeigen wir Ihnen zwei Entwicklungsmöglichkeiten: Bitte kreuzen Sie an, welche Entwicklungsalternative Ihnen wahrscheinlicher erscheint heute / im Jahr 2020 / im Jahr 2025.“

Basis: Gesamt n = 137, IKT n = 71, Nicht-IKT n = 66



Darstellung der wichtigsten Akteure, die aus Sicht der befragten Experten im Jahr 2020 entweder das positive Entwicklungsszenario beeinflussen oder dem negativen Entwicklungsszenario entgegenwirken.

„Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich im Jahr 2020. Welche der im Folgenden aufgeführten Akteure können diese positive Entwicklung bewirken / der negativen entgegenwirken?“

Basis: Verstärker n = 70, Verhinderer n = 65



Vor allem die IKT-, die Elektronik- und die Automobilbranche werden gegenüber chinesischen Anbietern auf internationalen Märkten einbüßen.

„Welche Branchen werden voraussichtlich ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber chinesischen Anbietern auf internationalen Märkten einbüßen?“ (Mehrfachnennungen möglich)

Basis: n = 134


Deskription

Ein Haupthindernis für deutsche und europäische Unternehmen liegt derzeit nach Ansicht von 40 Prozent der Experten in der mangelnden Skalierbarkeit von digitalen Innovationen auf die Größe asiatischer Märkte. Die Zustimmung zu dieser Entwicklung reduziert sich für das Jahr 2020 auf ein Viertel (24 Prozent) und für 2025 auf 12 Prozent. Demgegenüber steigt die Zahl derer, die davon ausgehen, dass Markteintritt und Kooperationen von asiatischen Unternehmen Innovationsimpulse zu einer derartigen Skalierbarkeit geben, von aktuell einem Viertel (24 Prozent) bis 2020 auf die Hälfte (53 Prozent) und steigt dann bis 2025 auf 60 Prozent. Ein beachtlicher Teil der Experten kann sich keine der beiden Entwicklungen vorstellen (2014: 36 Prozent, 2020: 23 Prozent, 2025: 28 Prozent).

Während erstere Entwicklung durch die Wirtschaft in Deutschland (59 Prozent), große internationale Internetunternehmen (48 Prozent) und die Politik der Europäischen Union (35 Prozent) verhindert wird, verstärken die chinesische Wirtschaft (67 Prozent), große internationale Internetunternehmen (60 Prozent) und die Wirtschaft in Deutschland (51 Prozent) die zweite Entwicklung.

Die drei Branchen, deren Wettbewerbsfähigkeit gegenüber chinesischen Anbietern am stärksten abnehmen wird, sind IT/Telekommunikation (62 Prozent), Elektrotechnik (60 Prozent) sowie die Automobilwirtschaft (50 Prozent).

Interpretation

Heute wird nach Meinung der Experten die Wettbewerbssituation durch die Wirtschaftsmacht China unter dem besonderen Aspekt der Skalierung für deutsche Unternehmen auf dem internationalen Markt eher in kleinem Umfang als Bedrohung wahrgenommen. Aus der Zusatzfrage wird jedoch deutlich, dass die Befragten in fast allen deutschen Schlüsselbranchen eine starke Konkurrenz durch chinesische Anbieter sehen, wodurch sich die deutsche Wettbewerbssituation deutlich verschlechtert. Diese ambivalente Einschätzung könnte sehr wohl eine Achillesferse für die deutsche Wirtschaft bedeuten, denn vor allem die klassische produzierende Industrie und damit ein Großteil des die Wirtschaft in Deutschland tragenden Gewerbes ist nach Ansicht der Experten durch den Wettbewerber China gefährdet. Noch existieren keine Modelle für den Umgang mit der schnell auf- und überholenden Konkurrenz in den deutschen Schlüsselindustrien. Auf diese Form der chinesischen Konkurrenz, die durch ein staatlich gelenktes Wirtschaftssystem sowie durch Massen- und Skaleneffekte erfolgreich ist, wurde in Deutschland noch keine Antwort gefunden. An dieser Stelle lässt sich deutlich die Diskrepanz der Experten zwischen der positiven wahrgenommenen gegenwärtigen Situation und der Sorge um die deutsche Wirtschaft erkennen.

Zukünftig wird sich nach Einschätzung der Befragten die aktuelle Situation in eine positive Richtung entwickeln. Diese wird durch die Kooperationsbereitschaft deutscher und chinesischer Unternehmen geprägt sein, große internationale Internetunternehmen katalysieren den Trend als gemeinsame Mitbewerber oder als Setzer von Standards. Der Wettbewerbsvorteil chinesischer Unternehmen ist nicht zuletzt durch das autoritäre politische System bedingt. Für eine erfolgreiche Entwicklung der deutschen Wirtschaft sind deshalb nicht nur die Unternehmen selber hinsichtlich ihrer Kooperationsbereitschaft gefragt, sondern auch die deutsche und europäische Politik, die erheblichen Einfluss nehmen müssen wird. Vorteilhaft wäre es, wenn die Größendimensionen, in denen hierbei gedacht wird, nicht regional oder europaweit eingeschränkt sind, sondern initial global, um mit China mithalten zu können.

Ein beachtlicher Teil der Experten konnte sich in der Umfrage mit keinem der beiden Szenarios identifizieren. Dies könnte unter anderem an der wirtschaftlichen und politischen Unberechenbarkeit Chinas liegen. Kooperationen mit chinesischen Unternehmen bedeuten für die deutsche oder europäische Wirtschaft den Umgang mit Faktoren, auf den diese wenig bis keinen Einfluss nehmen und deren Entwicklung sie nicht absehen kann.

Wege in die digitale Zukunft

Für die Herausforderung China im globalen Wettbewerb scheint aktuell noch keine adäquate Strategie gefunden zu sein.

Über viele Jahre wurde der chinesischen Wirtschaft zugeschrieben, erfolgreiche Technologien und Produkte nur zu kopieren – gestützt durch das politische System sowie den Know-how-Transfer westlicher Unternehmen im Zuge des dortigen Markteintritts. Von der Rolle des Nachahmers haben sich chinesische Unternehmen in relevanten Branchen mittlerweile entfernt und sind zu potentiellen Kooperationspartnern in wissensintensiven Segmenten bis hin zu ernsthaften Konkurrenten avanciert. Für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit in der Konkurrenz zu international agierenden chinesischen Unternehmen bedeutet dies aber, dass ein Umdenken stattfinden muss.

Über eine umfangreiche Strategieanalyse des chinesischen Marktes hinaus sollten vor allem die dort beheimateten Wettbewerber in ihren global ausgerichteten Aktivitäten stärker in den Blick genommen werden. Dies könnte beispielsweise durch ein Analyse- und Dialogforum über die strategische Wirtschafts- und Technologiepolitik Chinas erfolgen. Zum anderen gilt es, die europäische Wirtschafts- und Technologiepolitik umfassend zu stärken. Schließlich sollte der Wissenstransfer von der chinesischen Wirtschaft nach Europa durch Aus- und Fortbildung und Erfahrungsaustausch gestärkt werden. Da Deutschland ein bedeutender wirtschaftlicher Kooperationspartner für China ist, sollte diese Affinität genutzt werden, um ein Gleichgewicht zu schaffen, aus dem der deutsche Markt einen wesentlichen Wissenszugewinn für sich ziehen kann. Dies gilt nicht nur für die klassischen Austauschformate des Bildungssystems, sondern zunehmend auch für die betriebliche Ebene. Hier betrifft es den Austausch mit chinesischen Anbietern in den globalen Wertschöpfungsnetzen sowie mit chinesisch-geführten Unternehmen in Deutschland und Europa, wie sie in den letzten Jahren vor allem in den Schlüsselindustrien zu verzeichnen sind.

Um sich mit China in eine Größenordnung stellen zu können, müssen statt regionaler Lösungsvorschläge globale Modelle entwickelt werden. Die ungleiche Situation eines offenen europäischen Wirtschaftsraums im Unterschied zu einem gelenkten Wirtschaftssystem mit allen ihren Wettbewerbsimplikationen für die Unternehmensebene wird auf kurze Frist nicht zu verändern sein. Gerade vor diesem Hintergrund ist es vonnöten, über regionale und nationale Einzelinteressen hinauszugelangen und eine übergreifende Kooperations- oder Wettbewerbsstrategie zu entwickeln, die den ungleichen Bedingungen Rechnung trägt und über den Abschottungsreflex hinausgehende Lerneffekte mobilisiert.

Handlungsimpulse

  • Es sollte eine umfassende Analyse des chinesischen Markts und dortiger global agierender Unternehmen erfolgen beispielsweise über eine Analyse- und Dialogforum zur Wirtschafts- und Technologiepolitik Chinas.
  • Die europäische Wirtschafts- und Technologiepolitik sollte gestärkt werden; jenseits der regionalen/nationalen Einzelinteressen müssen übergreifende Strategien gefunden werden, die der ungleichen Wettbewerbssituation von europäischen und chinesischen Unternehmen Rechnung tragen.
  • Deutschland sollte Kooperationen mit China anstreben, von welchen der deutsche Markt für die eigene Wirtschaft profitieren und lernen kann. Dazu zählt eine stärkere Sensibilisierung für den chinesischen Markt/Kunden, beispielsweise über Kooperation mit chinesischen Vertriebsplattformen und Datenanalysten.
  • China entwickelt sich schneller als sein Image in unseren Köpfen. Der Austausch von Schülern, Studenten und Mitarbeitern nach China muss über diverse Kanäle (Bildung, Stiftungen, ‚Green Cards, Entsendestrategien) gefördert werden. Deutschland denkt mit Selbstschutz-Scheuklappen.