Änderung der rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen innerhalb der EU erforderlich, um Potenziale des digitalen Binnenmarktes auszuschöpfen

These im Wortlaut

Aktuell schafft es Europas digitalisierte Wirtschaft / Industrie nicht in ausreichendem Maße, digitale Geschäftsmodelle an die heterogenen Anforderungen des europäischen Marktes und seiner Rahmenbedingungen anzupassen und auf internationale Kundenbedürfnisse adäquat einzugehen, was zu wirtschaftlichen Verlusten führt.

Erkenntnis

Die Heterogenität des europäischen Marktes und seine komplexen Rahmenbedingungen, die aktuell ein Hindernis für die deutsche Wirtschaft im globalen Wettbewerb darstellen, können vor allem durch die europäische Wirtschaftspolitik überwunden werden. Dafür müssen Bürokratiehürden abgebaut und effiziente politische, soziokulturelle und wirtschaftliche Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Einführung

Im Gegensatz zu anderen Wirtschaftsräumen, wie beispielsweise dem nordamerikanischen oder chinesischen Markt, unterscheiden sich die einzelnen europäischen Länder hinsichtlich ihrer politischen, ökonomischen, technischen und sozialen Entwicklung maßgeblich voneinander. Es stellt sich die Frage, ob es Europas digitalisierte Wirtschaft und Industrie aktuell in ausreichendem Maße gelingt, digitale Geschäftsmodelle an die heterogenen Anforderungen des europäischen Marktes und seiner Rahmenbedingungen anzupassen und auf internationale Kundenbedürfnisse adäquat einzugehen oder ob ein möglicherweise bestehendes Missverhältnis dazu führt, dass Potenziale des digitalen Binnenmarktes nicht ausgeschöpft werden.


These: Aktuell schafft es Europas digitalisierte Wirtschaft / Industrie nicht in ausreichendem Maße, digitale Geschäftsmodelle an die heterogenen Anforderungen des europäischen Marktes und seiner Rahmenbedingungen anzupassen und auf internationale Kundenbedürfnisse adäquat einzugehen, was zu wirtschaftlichen Verlusten führt.

„Inwieweit trifft diese These auf die Situation in Ihrem Unternehmen zu?“

Basis: Gesamt n = 150, IKT n = 72, Nicht-IKT n = 78


Deskription

Aktuell gehen knapp zwei Fünftel (38 Prozent) der befragten Experten davon aus, dass durch mangelnde Anpassung digitaler Geschäftsmodelle an die europäische Vielfalt wirtschaftliche Verluste entstehen. Die Tendenz dieser Einschätzung über die nächsten 10 Jahre ist dabei allerdings abnehmend. 2020 sehen noch 32 Prozent der Fachleute hier eine Problematik, 2025 nur noch 24 Prozent.

Interpretation

Auch wenn aktuell zwei von fünf deutschen Experten von der mangelnden Anpassung digitaler Geschäftsmodelle an den heterogenen europäischen Markt ausgehen, so ist das Vertrauen auf einen zukünftig besseren Umgang und eine optimierte Anpassung an dieser Stelle bei den Befragten groß. Offensichtlich wird zum einen die Fähigkeit, zukünftig auf Basis der bestehenden Strukturen individuelle und länderspezifische Produkte herstellen zu können, als gegeben angesehen, zum anderen scheint ein großes Vertrauen beziehungsweise eine große Erwartung in eine Verbesserung der Rahmenbedingungen auf europäischer Ebene vorhanden zu sein. Die Überflutung des EU-Wirtschaftsraumes durch teilweise hochtechnisierte Massenprodukte, beispielsweise aus Asien oder den USA, die zu einem weiteren Preiskampf führen kann, wird offenbar von den befragten Fachleuten im Hinblick auf das eigene Unternehmen auch zukünftig nicht für problematisch erachtet. Unter Umständen zielt die Blickrichtung dieses Expertenkreises aber auch über den europäischen Tellerrand hinaus – in global operierenden Unternehmen ist eine Beschränkung auf den EU-Raum naturgemäß kein Thema. Daher werden auch zukünftige strategische Ausrichtungen auf diejenigen Wachstumsmärkte ausgerichtet sein, welche die höchste Wertschöpfung vermuten lassen. Dies wird in den seltensten Fällen ausschließlich mit dem Fokus EU der Fall sein.


Darstellung der Eintrittswahrscheinlichkeit zweier gegensätzlicher aus der These resultierenden Entwicklungsszenarien aus Sicht der befragten Experten.

„Im Folgenden zeigen wir Ihnen zwei Entwicklungsmöglichkeiten: Bitte kreuzen Sie an, welche Entwicklungsalternative Ihnen wahrscheinlicher erscheint heute / im Jahr 2020 / im Jahr 2025.“

Basis: Gesamt n = 149, IKT n = 72, Nicht-IKT n = 77



Darstellung der wichtigsten Akteure, die aus Sicht der befragten Experten im Jahr 2020 entweder das positive Entwicklungsszenario beeinflussen oder dem negativen Entwicklungsszenario entgegenwirken.

„Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich im Jahr 2020. Welche der im Folgenden aufgeführten Akteure können diese positive Entwicklung bewirken / der negativen entgegenwirken?“

Basis: Verstärker n = 73, Verhinderer n = 75



Vor allem politische Rahmenbedingungen stellen Barrieren beim Ausbau eines harmonierenden digitalen Wirtschaftraums Europa dar.

„In welchem Bereich sehen Sie die größten Barrieren beim Ausbau eines harmonierenden digitalen Wirtschaftraums Europa?“

Basis: n = 148


Deskription

Hinsichtlich der beispielhaft aufgezeigten möglichen zukünftigen Entwicklungen sehen die befragten Fachleute die europäischen Unternehmen mehrheitlich nicht in der Lage, die Heterogenität des europäischen Marktes schnell zu nutzen (69 Prozent). Allerdings geht die Entwicklung deutlich und zeitnah hin zum Positiven, das heißt die Fähigkeit europäischer Unternehmen, die Heterogenität des europäischen Marktes und seiner Rahmenbedingungen zu nutzen und schnell digitale Produkte passend für lokale Märkte zu vermarkten. Dies wird für die Zukunft positiv beurteilt: Für das Jahr 2020 halten sich Befürworter und Ablehner knapp die Waage (positives Szenario: 45 Prozent, negatives Szenario: 38 Prozent). Langfristig, das heißt im Jahr 2025, sind über zwei Drittel (67 Prozent) der Ansicht, dass den europäischen Unternehmen die positive Nutzung gelingen wird. Konstant hält fast jeder Fünfte (2014: 16 Prozent, 2020: 17 Prozent, 2025: 17 Prozent) keine der beiden Entwicklungsalternativen für wahrscheinlich.

Die positive Entwicklung wird vor allem durch die deutsche Wirtschaft selber angetrieben (70 Prozent), gefolgt von der europäischen Politik (62 Prozent). Beide Akteure verhindern auch in ähnlichem Maße die negative Entwicklung (76 Prozent beziehungsweise 64 Prozent). Weitere Faktoren, wie die deutsche Politik oder die Wissenschaft, folgen mit Abstand sowohl als verstärkende Faktoren einer positiven Entwicklung (Politik: 51 Prozent, Wissenschaft: 51 Prozent) als auch als verhindernde Faktoren einer negativen Entwicklung (Politik: 51 Prozent, Wissenschaft: 37 Prozent).

Als Hauptbarriere für den Ausbau eines harmonisierenden digitalen Wirtschaftsraumes in Europa sehen die Experten die politischen Rahmenbedingungen (33 Prozent). Weitere Barrieren, wie beispielsweise die soziokulturellen Rahmenbedingungen (18 Prozent), die gesellschaftliche Akzeptanz (15 Prozent) und die Gesetzgebung (14 Prozent), werden deutlich weniger oft genannt.

Interpretation

Die Ergebnisse zeigen gerade für die momentane Situation, dass die Chancen des Wirtschaftsraums Europa hinsichtlich der Digitalisierung derzeit nicht in ausreichendem Umfang genutzt werden. Hier äußert sich das Sinnbild der Achillesferse sehr deutlich. Insgesamt gelingt es der europäischen Wirtschaft nicht, trotz ihrer Größe und vorhandenen Innovationskraft, Vorteile aus der Heterogenität des Wirtschaftsraums und der Rahmenbedingungen zu ziehen. Die Wettbewerbsnachteile im globalen Vergleich, wie zum Beispiel die Komplexität der EU-Gesetzgebungsverfahren und gegebenenfalls ihrer Umsetzung in nationales Recht, der vorhandene Protektionismus einzelner nationaler Interessen, sowie das Fehlen einheitlicher Regelungen bei Steuern, Gründungsinitiativen und Ähnlichem stehen derzeit im Vordergrund und blockieren die Entfaltung der positiven Werttreiber.

Allerdings besteht Hoffnung, dass durch Initiativen der deutschen Wirtschaft und der verantwortlichen Akteure in der europäischen Wirtschaftspolitik die Rahmenbedingungen für die Zukunft positiv gesetzt werden. Sie sind die Erfolgsfaktoren für eine Verbesserung der Wettbewerbssituation.

Hauptbarrieren sind in den Augen der befragten Experten die schleppenden politischen Prozesse und damit das Hinterherhinken positiver politischer Anreizsysteme beziehungsweise die Beseitigung politisch induzierter oder konstruierter Mängel im Wirtschaftssystem der EU als Ganzes.

Wege in die digitale Zukunft

Hier geht ein ganz deutlicher Appell vor allem an die Politik, Schritte in Richtung Vereinfachungen und Harmonisierungen auf den Weg zu bringen, Bürokratiehürden abzubauen sowie effiziente Strukturen zu schaffen oder diesen den notwendigen gesetzlichen Weg zu ebnen, um das große Potenzial zu nutzen, das eine digitale Wirtschaft und deren Geschäftsmodelle mit sich bringen und benötigen.

Europa ist mit über 500 Mio. Einwohnern (EU-28, ca. 740 Mio. in Europa insgesamt) in einer digitalisierten Welt generell ein wichtiger, durchaus großer und ernst zu nehmender Zielmarkt. Global operierende Unternehmen denken auch global. Für die europäischen Unternehmen sollten jedoch keine Nachteile durch überbordende regulatorische Rahmenbedingungen in diesem weltweiten Geschäft entstehen – von daher bleibt die europäische Politik in der Pflicht, hier aktiv zu werden.

Handlungsimpulse

  • Um das Skalierungspotenzial Europas besser auszunutzen, sollten EU-Institutionen und -Mitgliedsstaaten mit den relevanten Stakeholdern aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft zusammenarbeiten.
  • Die Schaffung von gemeinsamen Plattformen ist ein Weg, um europäische Lösungen zu erarbeiten - zum Beispiel für grünen Strom, M2M-Kommunikation, die Entwicklung von Standards für Industrie 4.0 oder zur Stärkung kleiner Regionen durch vernetzte Projekte, die der aktuellen Fragmentierung entgegenwirken.