Wettbewerbsfähigkeit durch Innovation und Kreativität

These im Wortlaut

In der Folge der Digitalisierung werden in Amerika und Asien (digitale) Innovationsstrategien derzeit im Vergleich zu Europa beziehungsweise in Deutschland häufiger, schneller und öfter mit größerem wirtschaftlichem Erfolg umgesetzt.

Erkenntnis

Das Festhalten am – scheinbar erfolgreichen – hergebrachten Denken sowie der Mangel an globaler Ausrichtung bei digitalen Wachstumsstrategien und der Fokussierung auf den eigenen Markt hindern Deutschland daran, die Akzeleration der digitalen Wirtschaft mitzugehen. Durch die Förderung von Kreativität und Anreizen zu Innovationsleistungen kann die internationale Wettbewerbsfähigkeit gestärkt werden.

Einführung

Die Digitalisierung der Gesellschaft und der Wirtschaft geht mit einer Beschleunigung der Lebens-, Arbeits- und Produktionswelt einher. Um international anschlussfähig zu sein, muss sich jeder in seinem Denken und Handeln darauf einstellen.


These: In der Folge der Digitalisierung werden in Amerika und Asien (digitale) Innovationsstrategien derzeit im Vergleich zu Europa bzw. in Deutschland häufiger, schneller und öfter mit größerem wirtschaftlichem Erfolg umgesetzt.

„Inwieweit trifft diese These auf die Situation in Ihrem Unternehmen zu?“

Basis: Gesamt n = 121, IKT n = 66, Nicht-IKT n = 55


Deskription

Aktuell erkennen deutlich über die Hälfte der befragten Experten der deutschen Wirtschaft (56 Prozent) die USA und Asien als wirtschaftlich und prozessual erfolgreichere Wettbewerber an. Bereits 2020 geht nur noch die Hälfte der Befragten (48 Prozent) von dieser außereuropäischen „Vorherrschaft“ in Sachen erfolgreicher Innovationsprozesse aus und für das Jahr 2025 sinkt die Quote um weitere sieben Prozentpunkte.

Interpretation

Derzeit trauen die befragten deutschen Experten den Akteuren in den Wirtschaftsräumen USA und Asien deutlich mehr Umsetzungsfähigkeit und damit Erfolg in Hinblick auf Innovationsprozesse zu. Der Nachholbedarf der deutschen Wirtschaft wird dadurch stark unterstrichen. Attribute von Innovationsprozessen, wie Geschwindigkeit und Frequenz, widersprechen dabei offensichtlich dem deutschen „Ingenieurs- und Industriedenken“, welches sich vor allem durch Gründlichkeit auszeichnet. Eine weitere Erklärung dieses Befragungsergebnisses dürfte darin zu finden sein, dass überregionale digitalisierte Wachstumsstrategien in europäischen Unternehmen vergleichsweise schwach ausgeprägt sind und in der Folge in den einzelnen Ländern kaum die notwendigen kritischen Marktgrößen erreicht werden. Es fehlt an dem so dringend benötigten „globalen Denken“ in den deutschen und europäischen Unternehmen und dies von Anbeginn des Innovations- und Wertschöpfungsprozesses.

Auch zukünftig werden digitale Innovationsstrategien aus Nicht-EU-Ländern eine starke wirtschaftliche Dynamik entfalten und trotz erster Indikatoren, die auf eine Stärkung der Potenziale aus Europa hinweisen, steht der wirtschaftlich notwendige Wandel im Zuge der Digitalisierung bei einem Großteil der deutschen Unternehmen erst am Anfang. Berücksichtigt man dabei, dass Deutschland mehr als andere Länder (zum Beispiel Länder mit Rohstoffen) auf erfolgreiche Innovationsstrategien angewiesen ist, verbleibt dieser Faktor trotz positiver Einschätzung der Entwicklung durch die Befragten auch angesichts der Überalterung eine enorme Herausforderung und ein dauerhaftes Risiko. Bereits heute rangiert Deutschland auf dem global Innovation Index nur noch auf Platz 13 (2014) und rangiert damit hinter der Schweiz, Schweden, Finnland, UK, USA, Singapur, Hongkong oder Irland. (https://www.globalinnovationindex.org/content.aspx?page=data-analysis)
Die Digitalisierung stellt Europa vor eine wichtige Jahrhundertaufgabe. Die Wirtschaft wird sich vollkommen neu vor allem mit dem Thema der Geschwindigkeit und Agilität auseinandersetzen müssen. Inhaltlich ist sie zwar stark, sie muss aber dynamischer, schneller und gegebenenfalls auch risikofreudiger werden.


Darstellung der Eintrittswahrscheinlichkeit zweier gegensätzlicher aus der These resultierenden Entwicklungsszenarien aus Sicht der befragten Experten.

„Im Folgenden zeigen wir Ihnen zwei Entwicklungsmöglichkeiten: Bitte kreuzen Sie an, welche Entwicklungsalternative Ihnen wahrscheinlicher erscheint heute / im Jahr 2020 / im Jahr 2025.“

Basis: Gesamt n = 121, IKT n = 66, Nicht-IKT n = 55



Darstellung der wichtigsten Erfolgsfaktoren, die aus Sicht der befragten Experten im Jahr 2020 entweder das positive Entwicklungsszenario beeinflussen oder dem negativen Entwicklungsszenario entgegenwirken.

„Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich im Jahr 2020. Welche der im Folgenden aufgeführten Faktoren sind auszubauen bzw. zu stärken, um diese positive Entwicklung zu bewirken / der negativen entgegenzuwirken?“

Basis: Verstärker n = 57, Verhinderer n = 64


Deskription

Nur 26 Prozent der befragten Experten sind der Meinung, dass der deutschen Wirtschaft derzeit der internationale Anschluss im Bereich digitaler Innovationen gelingt. Demgegenüber ist eine deutliche Zuversicht im Hinblick auf die Zukunft erkennbar. So gehen zwei Drittel (64 Prozent) der Befragten davon aus, dass der deutschen Wirtschaft bereits 2020 der internationale Anschluss im Feld digitaler Innovationen gelingen wird und für das Jahr 2025 prognostizieren nur noch 13 Prozent hier eine negative Entwicklung aufgrund eines starken Mangels an Kernkompetenzen im Bereich digitaler Innovationen.

Bedeutende Erfolgsfaktoren, die eine positive zukünftige Entwicklung bedingen und einer negativen Entwicklung entgegenwirken, sind aus Sicht der befragten Experten vor allem Kreativität und Offenheit (Verstärker positiv: 65 Prozent, Verhinderer negativ: 59 Prozent), Ausbildung (Verstärker positiv: 63 Prozent für qualifizierte Ausbildung, Verhinderer negativ: 69 Prozent für moderne Ausbildung, 61 Prozent für qualifizierte Ausbildung), Innovationsleistung sowie Forschung und Entwicklung (Verstärker positiv: 63 Prozent, Verhinderer negativ: 64 Prozent) und das Verständnis der digitalen Ökonomie (Verstärker positiv: 58 Prozent, negativ. 53 Prozent).

Interpretation

Der Befund verdeutlicht den erheblichen Nachholbedarf Deutschlands im Zuge des digitalen Wandels innerhalb der Wirtschaft. Dennoch unterstreicht er nicht unbedingt das Sinnbild der Achillesferse. Denn im Unterschied zu Achilles, der von der Unverwundbarkeit ausging, erkennen die befragten Experten die Herausforderungen, welche die aktuelle Situation mit sich bringt und gehen davon aus, dass diese gemeistert werden können. So wandelt sich die anfangs negative Einschätzung überproportional in ein positives Zukunftsbild.

Um den Anschluss im Feld digitaler Innovationen erreichen zu können und die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu stärken, werden verschiedene Erfolgsfaktoren als Voraussetzung beziehungsweise Erfolgsgaranten genannt. Vor allem das Thema Ausbildung spielt hier eine herausragende Rolle. So wird ein breites Kompetenzprofil als wichtige Voraussetzung für die Innovationsfähigkeit eines Unternehmens herausgestellt. Nicht Generalisten oder Spezialisten, sondern Fachkräfte, die beide Qualifikationen in sich vereinen, sind gefragt. Eine breite Basis und spezifisches Fachwissen stellen die Voraussetzung für Innovationsleistung, Forschung und Entwicklung dar. Darunter fällt auch, dass eine moderne Ausbildung Soft Skills wie Kreativität und Offenheit fördern muss.

Weit weniger wird das Thema Kundenorientierung akzentuiert. Der notwendige Einstellungswandel von „Made in Germany“ zu „Made and serviced in Germany“ und die damit einhergehende Fokussierung auf die Wichtigkeit des Kunden scheinen in der deutschen Mentalität nur bedingt verankert. Des Weiteren stellt auch die Unternehmermentalität und damit die Förderung der Kultur des Scheiterns, der Mentalität des Ausprobierens, der Eigenständigkeit des Mitarbeiters als digitaler Erfolgsfaktor nur für die Hälfte der Befragten einen wesentlichen Verstärker der positiven Entwicklung dar.

Wege in die digitale Zukunft

Zwar sind sich die deutschen Experten der aktuellen Risiken bewusst, welche der Wirtschaft den Anschluss in der digitalen Welt erschweren. Dennoch zeigt sich klar ihre Zuversicht, dass der digitale Wandel gelingen wird. Hier könnte die lange Erfolgsgeschichte der deutschen Wirtschaft mitschwingen, gegebenenfalls aber auch die Hoffnung, dass in spätestens zehn Jahren die globale Wirtschaft einfach vernetzt agieren wird und Deutschland als bisher technikfreundliches Exportland sich den Prämissen anpassen konnte.

Um den Richtungswechsel erfolgreich meistern zu können, sollten Unternehmensstrukturen geöffnet und offenes, kreatives Arbeiten begünstigt werden. Statt funktionaler Trennung und Silodenken sollten zur Förderung vernetzten Denkens breit gefächerte, interdisziplinäre Teams und Jobrotationen – sowohl betriebsintern, wie auch betriebsübergreifend – ausgebaut werden. Die Kompetenzen von Spezialisten und Generalisten sind zusammenzuführen – zum einen in den Innovationsabteilungen, zum anderen auch in den einzelnen Fachkräften selbst. Interdisziplinäre Kompetenzen sind zu fördern. Qualifizierte Ausbildung und Modernität der Ausbildung stellen damit einen wichtigen Hebel dar, der auf zwei entscheidenden Attributen fußt: „qualifiziert“ und „lebenslang“.

Ferner ist der schnelle Bewusstseinswandel hin zur Kundenorientierung vonnöten. Denn Nutzerfreundlichkeit, Design und Serviceoptimierung, welche unmittelbar an den Bedürfnissen des Kunden orientiert sind, werden als Alleinstellungsmerkmal im digitalen Wettbewerb eine stetig wachsende Rolle einnehmen. Hierbei stellt der Treiber des Wandels gleichzeitig das Werkzeug der Wahl dar, denn durch digitale Medien können die Bedürfnisse der Kunden sehr differenziert und granular erfasst werden – so zum Beispiel via mobile oder soziale Medien. Innovationsleistung sowie Forschung und Entwicklung, die sich unmittelbar an den Kundenbedürfnissen orientieren, stellen an dieser Stelle den Königsweg zum digitalen Wandel dar.

Handlungsimpulse

  • Ein wichtiges Ziel sollte eine stärkere Öffnung und die Entwicklung einer konkreteren Vorstellung der digitalen Innovationschancen (vor der Risikobetrachtung!) sein. Hier ist es sinnvoll, von der amerikanischen und asiatischen Fähigkeit zu lernen, das Neue zunächst positiv zu bewerten und in seinen Chancen unternehmerisch auszuloten. Dafür sollte die deutsche Wohlstandsgesellschaft zu mehr Eigenverantwortung im Unternehmergeist erzogen werden: Statt markiger Hybris („Innovationsweltmeister werden!“) sollte die deutsche Wirtschaft von den wahren Innovationsweltmeistern lernen und Leitlinien für die Anschlussfähigkeit entwickeln. Ressortübergreifende Lösungsansätze dazu sollten durch digitale Vernetzung begünstigt, beziehungsweise Teilleistungen durch IKT-/Privatwirtschaft ermöglicht und seitens der Gesellschaft gefördert werden.
  • Wichtig ist es, einen strukturellen Wandel in Unternehmensorganisationen zu fördern. Ziel dabei sollte das Erreichen von mehr Transparenz und Durchlässigkeit sowie die Bildung von interdisziplinären Teams als kleinere autonome Einheiten sein. Ebenso wichtig ist die Förderung von vernetztem Denken, beispielsweise durch Jobrotation und freiere Projektarbeit.
  • Ein weiteres Ziel sollte das Erreichen einer stärkeren Vernetzung und digitaler Kompetenzen sein. Schritte hierbei sollten die Anpassung der Wertschöpfung an kundenzentriertes, vernetztes Wirtschaften sowie Offenheit gegenüber Big Data Analytics und die Einbettung datengesteuerter Prozesse sein. Hinzu kommt eine Ausweitung der Spielräume für Digital Natives (mit der DNA der Kunden von morgen) sein.
  • Weiterhin ist eine Ausweitung des Dialogs gegenüber der Politik nötig, samt konkreter Lösungswege für die digitale Roadmap. Dabei sollten ökonomische Prämissen und Notwendigkeiten drastischer und anschaulicher kommuniziert werden. Ein breiterer Zusammenschluss mit Unternehmen aus anderen Branchen kann dabei helfen, die Tragweite zu verdeutlichen. Weiterhin sollten branchenübergreifende Handlungsprämisse aufgestellt und gemeinsam an die Politik gerichtet werden. Bezüglich gesetzlicher Rahmenbedingungen sollten alte und neue Zuständigkeiten und Abhängigkeiten geklärt werden, beziehungsweise Teile davon privatwirtschaftlich übernommen werden, um staatliche Rahmenanpassung zu beschleunigen und Neugeschäfte zu akquirieren.
  • Ein weiteres wichtiges Ziel sollte sein, die Vernetzung bei staatlichen Bildungswegen, IKT und Privatwirtschaft zu erhöhen und zu diversifizieren. So könnten etwa Studiengänge durch privatwirtschaftliche Angebote stärker interdisziplinär gestaltet werden. Außerdem sollte eine stärkere Einbettung von Serious Games (bei Wissenschaft und Wirtschaft) stattfinden, um Theorie und Praxis besser zu verknüpfen, Handlungskonsequenzen zu ermitteln und attraktivere Lernformen für Jüngere anzubieten. Ein weiterer Schritt zu besserer Vernetzung sollte eine Ausweitung von Austauschprogrammen für Mitarbeiter, Azubis, Studenten oder Lehrlinge in den digitalen Hightech Regionen oder Konzernen in Ländern wie Nordamerika, Singapur, Südkorea, China sein.