Wirtschaftswachstum durch Adaption von Erfolgsfaktoren globaler Innovationszentren sowie Entwicklung und Schärfung eigener Erfolgsfaktoren

These im Wortlaut

Durch die Orientierung am Modell des Silicon Valley könnten Unternehmen in Deutschland vergleichbare Erfolge hervorbringen.

Erkenntnis

Eine differenzierte Betrachtung der Erfolgsfaktoren globaler Innovations-Hot-Spots wie dem Silicon Valley und ihre Anpassung an den deutschen Standort können der deutschen Wirtschaft zu einem Aufschwung auf dem digitalen Sektor verhelfen. Gleichzeitig sollte allerdings die Förderung bereits etablierter Schlüsselkompetenzen nicht vernachlässigt werden.

Einführung

Die mediale Aufmerksamkeit, die das Silicon Valley genießt, ist enorm. Dort ansässige Unternehmen gehören zu den wichtigsten Wirtschaftsgiganten und Treibern der digitalen Welt. Viele namhafte Experten und Entscheider aus Deutschlands Wirtschaft und Politik sind in den letzten Jahren in die USA gereist, um im Sinne eines offenen Gedankentransfers von den dortigen digitalen Vorreitern zu lernen und in der Folge technologisch und wirtschaftlich aufzuholen und ähnliche Erfolge zu erzielen.


These: Durch die Orientierung am Modell des Silicon Valley könnten Unternehmen in Deutschland vergleichbare Erfolge hervorbringen.

„Inwieweit trifft diese These auf die Situation in Ihrem Unternehmen zu?“

Basis: Gesamt n = 133, IKT n = 74, Nicht-IKT n = 59


Deskription

Mit 18 Prozent gehen nur wenige befragte Experten der deutschen Wirtschaft davon aus, dass deutsche Unternehmen von einer Orientierung am Silicon Valley profitieren können. Dennoch zeigt sich diesbezüglich ein leichtes Wachstum: Bis 2020 steigt die Zahl der Befürworter der These auf 30 Prozent an und wächst dann, wenn auch nur sehr geringfügig, bis 2025 weiter (34 Prozent).

Interpretation

Vor dem Hintergrund der hohen Medienpräsenz des Silicon Valley überrascht die deutliche Distanzierung der befragten Experten von dem Wirtschafts-Modell zunächst. Zwar scheinen deutsche Konzerne durchaus in Richtung des Silicon Valley zu schauen, halten es aber als Modell für ungeeignet, um es direkt in ihre Unternehmenskultur zu übernehmen.

Viel eher scheint es sinnvoll, dass sich die deutsche Wirtschaft auf einzelne technologische oder wirtschaftliche Elemente des Silicon Valley konzentriert und prüft, inwiefern die Etablierung von diesen Teilaspekten in die eigene strategische Ausrichtung passt und erfolgsversprechend für die zukünftige Entwicklung des Unternehmens ist. Dies wird auch durch die Tatsache belegt, dass es eine leicht steigende Tendenz hin zu einer kritischen Reflexion bezüglich der Entwicklungen des Silicon Valley geben wird. Eine komplette Negierung des Phänomens „Silicon Valley“ wäre fahrlässig – aber es gilt nicht zu kopieren, sondern gründlich zu untersuchen, zu beobachten und zu prüfen, ob und welche dort vorherrschenden Erfolgsfaktoren für die deutschen Gegebenheiten wirtschaftlich, gesellschaftlich oder kulturell adaptierbar sind.

Insgesamt zeigt sich deutlich, dass sich die Rahmenbedingungen des Silicon Valley in vielerlei Hinsicht deutlich von der deutschen Unternehmerlandschaft unterscheiden. Die dort doch erkennbaren anderen wirtschaftlichen, rechtlichen, personellen, kulturellen und infrastrukturellen Voraussetzungen scheinen ein wesentlicher Grund dafür zu sein, dass den deutschen Experten eine Orientierung an dem geografisch sehr begrenzten Standort nur mäßig sinnvoll erscheint.


Darstellung der Eintrittswahrscheinlichkeit zweier gegensätzlicher aus der These resultierenden Entwicklungsszenarien aus Sicht der befragten Experten.

„Im Folgenden zeigen wir Ihnen zwei Entwicklungsmöglichkeiten: Bitte kreuzen Sie an, welche Entwicklungsalternative Ihnen wahrscheinlicher erscheint heute / im Jahr 2020 / im Jahr 2025.“

Basis: Gesamt n = 130, IKT n = 73, Nicht-IKT n = 57



Darstellung der wichtigsten Erfolgsfaktoren, die aus Sicht der befragten Experten im Jahr 2020 entweder das positive Entwicklungsszenario beeinflussen oder dem negativen Entwicklungsszenario entgegenwirken.

„Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich im Jahr 2020. Welche der im Folgenden aufgeführten Faktoren sind auszubauen bzw. zu stärken, um diese positive Entwicklung zu bewirken / der negativen entgegenzuwirken?“

Basis: Verstärker n = 62, Verhinderer n = 66



Divergierende Meinungen zu der Frage, ob die Übertragung des Silicon Valley Modells auf das eigene Unternehmen zu einer Vernachlässigung der Schärfung eigener Kernkompetenzen führt.

Bitte bewerten Sie folgende Aussage für Ihr Unternehmen: Durch den Versuch, das Modell Silicon Valley auf das eigene Unternehmen zu übertragen, wird die Schärfung der eigenen Kernkompetenzen vernachlässigt.

Basis: n = 128



Vorbild Silicon Valley: Vor allem in den Bereichen Fachkräfte, Netzwerke und Macher-Mentalität/Kultur des Scheiterns.

Im Silicon Valley operieren Unternehmen unter ganz bestimmten Rahmenbedingungen. Im Folgenden finden Sie eine Liste einiger Aspekte dieser Rahmenbedingungen. Bitte bewerten Sie folgende Aussage für Ihr Unternehmen. Die Adaption der folgenden Rahmenbedingungen des Silicon Valley auf Deutschland führt zu wirtschaftlichem Wachstum.

Basis: n = 127


Deskriptiv

Aktuell geht nur ein Drittel (30 Prozent) der befragten Experten davon aus, dass die Innovationsführerschaft Deutschlands durch die Adaption beziehungsweise Implementierung erfolgreicher Innovationsmodelle gestärkt werden kann. Fast die Hälfte (48 Prozent) stellt fest, dass die Innovationsführerschaft Deutschlands durch die zu starke Orientierung am Silicon Valley Modell zu einer Vernachlässigung der eigenen Kompetenzen führt und damit geschwächt wird. Für das Jahr 2020 hingegen erwarten die Experten eine komplette Umkehrung ihrer Einschätzung für die deutsche Wirtschaft und gehen zu zwei Dritteln (68 Prozent) von einer positiven Entwicklung aus. Sie rechnen damit, dass es der deutschen Wirtschaft durch eine differenzierte Betrachtung und Adaption von Erfolgsfaktoren weltweiter Innovations-Hot-Spots gelingt, die eigenen Kernkompetenzen im Einklang mit (finanz-) wirtschaftlichen Rahmenbedingungen synergetisch weiterzuentwickeln und die Innovationsführerschaft Deutschlands zu stärken. Nur 17 Prozent erwarten hier eine negative Entwicklung. Diese positive Einschätzung bleibt dann auch bis zum Jahr 2025 stabil (positiv: 68 Prozent, negativ: 12 Prozent).

Als Erfolgsfaktoren des Wandels für eine günstige Entwicklung geben die Experten vor allem qualifizierte Ausbildung (Verstärker positiv: 52 Prozent, Verhinderer negativ: 61 Prozent), Kreativität und Offenheit (Verstärker positiv: 53 Prozent, Verhinderer negativ: 55 Prozent), Unternehmer-Mentalität (Verstärker positiv: 52 Prozent, Verhinderer negativ: 44 Prozent) sowie kontinuierliche Innovationsleistung und Forschung und Entwicklung (Verstärker positiv: 52 Prozent, Verhinderer negativ: 44 Prozent) an.

Bei der Einschätzung, ob es durch den Versuch, das Modell Silicon Valley auf das eigene Unternehmen zu übertragen, zu einer Schärfung der eigenen Kernkompetenzen kommt, divergieren die Meinungen: Ein Drittel bejaht die Position (36 Prozent), ein Drittel negiert sie (35 Prozent).

Vor allem durch die Adaption der Silicon Valley-Rahmenbedingungen wie Fachkräftevorhandensein (79 Prozent), Netzwerke (76 Prozent), Macher-Mentalität (72 Prozent), Gründer-Mentalität (70 Prozent) und Infrastruktur (64 Prozent) kann in Deutschland wirtschaftliches Wachstum erreicht werden.

Interpretation

Dem Silicon Valley haftet ein nebulöser Charakter an. Allgemein assoziiert der Betrachter damit einen erfolgreichen Wirtschaftsstandort im digitalen Sektor, dem eine enorme Ausstrahlung in andere Branchen zugeschrieben wird. Was seine Attraktion allerdings genau ausmacht, wird sehr unterschiedlich wahrgenommen. Viele der Experten sind unschlüssig darüber, welche Faktoren interessant für den Wirtschaftsstandort Deutschland oder spezifisch für das eigene Unternehmen wären – eine mögliche Erklärung für den hohen Prozentsatz an unentschiedenen Antworten bezüglich der zukünftigen Entwicklungen Deutschlands. Dennoch kristallisiert sich in Bezug auf das Modell des Silicon Valley unter den Experten ein klares Meinungsbild heraus: Adaptieren statt Kopieren des Modelles führt die deutsche Wirtschaft zum Erfolg – und zwar nicht nur von Erfolgsfaktoren des amerikanischen Silicon Valley sondern weltweiter Innovations-Hot-Spots, inklusive der vielen deutschen „Hidden Champions“ und digitalen Leuchtturm-Regionen. Das Silicon Valley als Wirtschaftsstandort wird langfristig nicht als Bedrohung für die deutsche Wirtschaft gesehen, gleichwohl aber der Versuch, das Modell unreflektiert zu übernehmen.

Durch eine differenzierte Betrachtung der Erfolgsfaktoren und ihre Anpassung an den deutschen Standort können deutliche Lerneffekte für die Wirtschaft auf dem digitalen Sektor hervorgerufen werden. Vor allem stehen dabei zwei Bereiche im Vordergrund: Fachwissen und Mentalitätsfaktoren. Denn eine hohe Dichte an unterschiedlichen Experten, die sich auf einem geografisch überschaubaren Gebiet austauschen, kann dazu führen, dass Innovationsleistung, Forschung und Entwicklung den Standort wirtschaftlich aufstreben lassen. Der Weg dorthin beinhaltet zum einen das Anwerben von Fachkräften, beispielsweise aus dem Ausland, zum anderen eine qualifizierte Aus- und Weiterbildung – dies wird langfristige Erfolge erzielen. Auch in Deutschland gibt es Standorte, die unternehmensgebunden eine hohe Dichte an Fachkräften auf einem Gebiet aufweisen. Was sie allerdings von dem Silicon Valley deutlich unterscheidet, sind Mentalitätsunterschiede und daraus hervorgehend die eigene Identität. Offenheit gegenüber Neuem und eine Unternehmer-Mentalität, die auch Risiken und Verluste in Kauf nimmt, um Neues zu gestalten, sind Einstellungen, die gefördert werden sollten, um in Deutschland ähnliche Erfolge wie im Silicon Valley zu erreichen. Erste Ansätze, die in diese Richtung gehen, sind dabei heute schon erkennbar.

Wege in die digitale Zukunft

Das Silicon Valley steht zunehmend für eine Kombination aus einzelnen Elementen und Erfolgsfaktoren, die in Deutschland als solche erkannt werden. Gleichzeitig reift aber auch die Erkenntnis, dass eine Übernahme des Modells als ganzes System nicht erfolgen kann und auch nicht unbedingt erfolgen muss. Viele Schlüsselkompetenzen sind in Deutschland bereits vorhanden, müssen aber um weitere Erfolgsfaktoren angereichert und auf ihre eigene „deutsche“ Art und Weise umgesetzt, beziehungsweise kulturell adaptiert werden.

Unternehmen suchen hierzulande ihren Weg zu Innovation und digitalem Wandel spezifischer und individueller. Sie sehen die Wertschöpfungsmöglichkeiten, um auf Innovationen im Markt zuzugreifen, offenbar selektiver. Diesem stark eingeschränkten Blick auf die eigene Branche steht bereits heute eine hervorragende Infrastruktur für Mobilität, Transfer und Standortwechsel in Deutschland gegenüber. Der Austausch zwischen Experten in Netzwerken sollte deshalb stärker gefördert werden, sowohl branchenspezifisch als auch -übergreifend, lokal und überregional. So könnten zum Beispiel regelmäßige Experten-Networking-Abende veranstaltet werden, die Gelegenheit geben, neue Ideen und Konzepte über Branchen- und Unternehmensgrenzen hinweg zu entwickeln und somit Transparenz und einen aktiven Innovationspool zu kreieren.

Der Stolz der deutschen Wirtschaft, der durch eine lange Erfolgsgeschichte der Industrialisierung gefördert wurde, scheint durch die wirtschaftliche Kraft aus den USA und China auf dem digitalen Sektor überschattet und gemindert zu werden. Hier herrscht keine positive Grundstimmung sondern eher Sorge vor den großen Giganten, die als Gatekeeper fungieren. Mit einem verstärkten Hervorheben in den Medien von Best-Practice-Beispielen ist es nicht getan. Es bedarf einer genauen Analyse hemmender Rahmenbedingungen sowie der regionalen Besonderheiten und Kompetenzen in Deutschland.

Erstaunlich ist schließlich, dass der Faktor Venture Capital eine relativ geringe Aufmerksamkeit durch die Experten erfährt. So werden Finanzierungsmodelle als Erfolgsfaktoren nur begrenzt wahrgenommen. Es herrscht eine stark diversifizierte Struktur vor, bei der Unternehmen in ihrer Innovationsstärke auf sich selbst gestellt scheinen. Der niedrige Stellenwert des erforderlichen Zugangs zur Finanzierung ist möglicherweise ein Manko, das dem Wandel durch Innovation entgegensteht. Durch bessere Finanzierungsmodelle, wie beispielsweise steuerliche Vorteile, könnten hier Rahmenbedingungen geschaffen werden, die den Mentalitätswechsel, der vonnöten ist, begünstigen.

Handlungsimpulse

  • Bezüglich der politischen Rahmenbedingungen ist es notwendig, unternehmerisches Denken in Breitendiffusion zu fördern. Schon in den Schulen über die Aus- und Weiterbildung bis hinein ins Ehrenamt sollten individuell getragener Unternehmergeist und individuelle Leistungsbereitschaft stärker gefördert werden. Mitunter immer noch vorherrschende Konflikte von Kommerz und Kultur, Arbeitgeber versus Arbeitnehmer beziehungsweise Leistungs- und Solidargemeinschaft sollten konstruktiv diskutiert werden.
  • Weiterhin sollten die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen des Silicon Valley in ihren Unterschieden zur deutschen Unternehmerlandschaft analysiert werden, um die deutschen Rahmenbedingungen ggf. innovationsfördernder und globalökonomisch effektiver zu gestalten. Das Motto sollte hier lauten: Lernen, aber nicht kopieren.
  • Außerdem ist es nötig, die deutsche Leistungen und Besonderheiten durch politische Fördermaßnahmen weiterzuentwickeln, indem die von deutschen oder europäischen Anbietern entwickelten Lösungen öffentlich gefördert und priorisiert werden. Das Konzept des deutschen Mittelstandsweges sollte stark unterstützt werden, hier sollte eine klare Abgrenzung von amerikanischen Unternehmen, die enorm skalieren, bewusst unterstrichen werden. Die sozio-kulturellen Diskrepanzen zwischen USA und Deutschland mit ihren Auswirkungen auf das unternehmerische Wirtschaften und Selbstverständnis sollten in ihren Differenzen auf unternehmerischer wie Investoren-Seite genau analysiert werden. Es gilt, die positiv auffallenden Unterschiede in Deutschland in marktwirtschaftliche Vorteile zu übersetzen und die hinderlichen Einflüsse künftig durch neue Bildungsangebote abzubauen.
  • Ein weiterer notwendiger Schritt ist die Förderung des unternehmerischen Denkens. Durch regelmäßige Experten-Networking-Abende sollte der Expertenaustausch (interdisziplinär, branchenübergreifend) gefördert werden. Der unternehmerische Geist sollte auch speziell in Großunternehmen gefördert werden. Mehr Informationstransparenz, die Offenlegung strategischer Prämissen sowie datenunterstützte Marktbeobachtung können die Sinnhaftigkeit und den Beitrag der Einzelleistung verständlich machen. Der unternehmerische Geist von Start-ups sollte durch Beteiligungen (beispielsweise über 50 Prozent) nicht dominiert oder kontrolliert werden. Besonders wichtig ist ebenfalls eine Intensivierung der Kommunikation, beispielsweise von Best-Practice-Beispielen insbesondere junger Unternehmen und Unternehmer. Diese sollten in den Medien gezielt hervorgehoben werden.