Langfristig: Reduktion des IT-Fachkräftemangels möglich

These im Wortlaut

Trotz der immer stärkeren Durchdringung des Alltags mit digitalen Medien wird in Deutschland die Aus- und Weiterbildung in diesem Bereich nur unzureichend gefördert. Spitzenfachkräfte im digitalen Bereich wandern zudem häufig aufgrund mangelnder Förderung dieses Sektors in das Ausland ab. Dies beeinflusst die Wirtschaft von Deutschland negativ.

Erkenntnis

Die aktuelle Förderung von IT-Fachkräften ist unzureichend. Eine Verbesserung der Situation ist möglich. Dafür sind vor allem Akteure aus Politik und Wirtschaft gefordert, sowohl die berufliche und akademische Ausbildung als auch Weiterbildungsmaßnahmen qualitativ und quantitativ an die zunehmenden Herausforderungen der digitalen Welt anzupassen und attraktiv zu gestalten.

Einführung

Der allgemeine IT-Fachkräftemangel in Deutschland wird von Unternehmen verschiedenster Branchen konstatiert. Speziell im Bereich der IT-Branche, der aktuell stark wächst und in dem immer mehr Arbeitsplätze entstehen, wird die Lücke zwischen Arbeitsplätzen und Arbeitssuchenden größer. Es fehlt an Nachwuchstalenten auf dem digitalen Sektor.


These: Trotz der immer stärkeren Durchdringung des Alltags mit digitalen Medien wird in Deutschland die Aus- und Weiterbildung in diesem Bereich nur unzureichend gefördert. Spitzenfachkräfte im digitalen Bereich wandern zudem häufig aufgrund mangelnder Förderung dieses Sektors in das Ausland ab. Dies beeinflusst die Wirtschaft von Deutschland negativ.

„Inwieweit trifft diese These auf die Situation in Ihrem Unternehmen zu?“

Basis: Gesamt n = 129, IKT n = 71, Nicht-IKT n = 58


Deskription

Derzeit halten zwei Fünftel der befragten Experten (41 Prozent) die Förderung von Aus- und Weiterbildung auf dem digitalen Sektor für unzureichend. In Bezug auf die nächsten 10 Jahre schwindet die Zustimmung zu dieser These tendenziell. Für das Jahr 2020 halten immer noch 39 Prozent der Fachleute die These für zutreffend. In Bezug auf das Jahr 2025 sinkt dieser Wert auf 31 Prozent.

Interpretation

Die befragten Experten erkennen zwar in dem Fachkräftemangel auf dem digitalen Sektor eine Herausforderung für Deutschland, allerdings ist in ihren Augen das Problem nicht sehr stark ausgeprägt. Die Spitze des Mangels scheint bereits in der Vergangenheit zu liegen, der Zulauf an Fachkräften aus Universitäten und dem Ausland steigt allmählich an und wird voraussichtlich in den nächsten Jahren weiter steigen. Zudem kommen immer stärker die Generation Y beziehungsweise die Digital Natives in die Unternehmen. Auch in Unternehmen selber gewinnen Weiterbildungsmaßnahmen auf dem digitalen Sektor an Relevanz.

Allerdings stellt sich die Frage, ob die auf diese Weise zumindest teilweise entschärfte Situation auf dem digitalen Arbeitsmarkt tatsächlich auch dem Anspruch genügt, dass Deutschland auf dem digitalen Sektor zu einer Leitregion wird. Zu vermeiden ist, dass der Fachkräftemangel im digitalen Bereich dazu führt, dass der Bedarf Deutschlands an IKT-Produkten durch Anbieter aus dem Ausland gedeckt werden muss.


Darstellung der Eintrittswahrscheinlichkeit zweier gegensätzlicher aus der These resultierenden Entwicklungsszenarien aus Sicht der befragten Experten.

„Im Folgenden zeigen wir Ihnen zwei Entwicklungsmöglichkeiten: Bitte kreuzen Sie an, welche Entwicklungsalternative Ihnen wahrscheinlicher erscheint heute / im Jahr 2020 / im Jahr 2025.“

Basis: Gesamt n = 129, IKT n = 71, Nicht-IKT n = 58



Darstellung der wichtigsten Akteure, die aus Sicht der befragten Experten im Jahr 2020 entweder das positive Entwicklungsszenario beeinflussen oder dem negativen Entwicklungsszenario entgegenwirken.

„Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich im Jahr 2020. Welche der im Folgenden aufgeführten Akteure können diese positive Entwicklung bewirken / der negativen entgegenwirken?“

Basis: Verstärker n = 65, Verhinderer n = 64



Dem IT-Fachkräftemangel begegnen Unternehmen vor allem durch interne Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen.

„Wenn Sie an Ihr Unternehmen denken: Welche der aufgeführten Maßnahmen werden aktiv umgesetzt, um auf den IT-Fachkräftemangel zu reagieren?“

Basis: n = 127


Deskription

Eine große Mehrheit der befragten Experten sieht derzeit den Mangel an IT-Fachkräften als Grund für eine Schwächung des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Zwei Drittel der Experten (65 Prozent) stimmen der pessimistischen These für das Jahr 2014 zu, während nur 16 Prozent die optimistische These für zutreffend halten. Für die Zukunft hält allerdings eine Mehrheit der Experten die positive Entwicklung für wahrscheinlicher. Die Hälfte der Befragten (52 Prozent) prognostiziert für das Jahr 2020 eine Stärkung des Wirtschaftsstandortes Deutschland durch gezielte Aus- und Weiterbildung im IKT-Bereich. Für das Jahr 2025 steigt dieser Wert sogar auf 65 Prozent. Dagegen sinkt die Zustimmung zur pessimistischen These rapide (2020: 29 Prozent; 2025: 16 Prozent).

Als Haupttreiber der positiven Entwicklung sieht eine große Mehrheit der Experten einerseits die deutsche Wirtschaft (Verstärker positiv: 91 Prozent, Verhinderer negativ: 78 Prozent) und andererseits die Politik in Deutschland (Verstärker positiv: 79 Prozent, Verhinderer negativ: 88 Prozent). Weitere Treiber sind nach Meinung der Experten die Wissenschaft (Verstärker positiv: 59 Prozent; Verhinderer negativ: 42 Prozent) sowie die Politik der Europäischen Union (Verstärker positiv: 45 Prozent; Verhinderer negativ: 55 Prozent).

Als Maßnahme gegen den IT-Fachkräftemangel werden in 69 Prozent der in der Befragung vertreteten Unternehmen interne Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen durchgeführt. Weitere 53 Prozent fördern die Ausbildung an Universitäten, während 44 Prozent Fachkräfte aus dem Ausland abwerben.

Interpretation

Wenn auch aktuell der Mangel an IT-Fachkräften für die Schwächung des Wirtschaftsstandorts Deutschland verantwortlich gemacht wird, so stellt dieser dennoch laut Expertenmeinung keine Achillesferse der Wirtschaft dar. Denn die Experten scheinen an dieser Stelle auf einen schnellen und zeitnahen Wandel der aktuellen Situation zu setzen: Aus einem anfänglich negativen Szenario, das von zwei Dritteln der Befragten wahrgenommen wird, entwickelt sich in kürzester Zeit ein positives Zukunftsbild.

Wie auch in öffentlichen Diskussionen und aktuellen Befragungen immer wieder bestätigt, wird der IT-Fachkräftemangel in Deutschland in den Augen der befragten Experten scheinbar häufig zu stark dramatisiert. Es gibt einige Punkte, die diese Annahme stützen. Aktuell entwickelt sich die deutsche Wirtschaft – entgegen der internationalen Entwicklung – sehr positiv. Bei Personalknappheit stellt Deutschland aber weiterhin einen Standort dar, der auch für ausländische Fachkräfte durchaus attraktiv ist. Auch in anderen Branchen, wie in der Automobilindustrie oder im Maschinenbau, hat der Fachkräftemangel bisher keine bleibenden Schäden für die deutschen Anbieter verursacht. So ist auch in der IKT-Branche damit zu rechnen, dass Lösungen gefunden werden, weil bestimmte Innovations- und Entwicklungsprozesse ins Ausland verlagert werden. Hinzu kommt, dass sich immer mehr Unternehmen mit der Frage auseinandersetzen, wie sie dem IT-Fachkräftemangel entgegenwirken können. Hier spielen Themen wie Arbeitszeitflexibilisierung, Familienfreundlichkeit, betriebliche Mobilität und interne fachliche Weiterentwicklungsmöglichkeiten eine zunehmend wichtige Rolle.

Insgesamt stellt sich die Frage, inwiefern die Befragten die Begriffe Fachkraft und „Macher-Mentalität“ miteinander assoziieren. So kann hinter dem positiven Wandel auch der Wunsch nach neuen Unternehmern in der IKT-Branche vermutet werden. Der positive Wandel stellt also möglicherweise auch einen erwarteten Mentalitätswechsel und damit letztendlich ein Kulturthema dar.

Wege in die digitale Zukunft

Um auf dem digitalen Sektor dem IT-Fachkräftemangel entgegenwirken zu können, werden vor allem die deutsche Wirtschaft und Politik als Akteure gefordert. Sowohl die Qualität als auch die Quantität der relevanten Aus- und Weiterbildungsangebote sind auf die Anforderungen der zukünftigen digitalen Wirtschaft abzustimmen.

Die von den Experten unterstrichene dominante Rolle der betrieblichen Aus- und Weiterbildung erfordert möglicherweise ein Umdenken sowohl bei den Arbeitgebern als auch den Arbeitnehmern selbst. So ist es im Ausland vielfach verbreitet und gefordert, dass sich Arbeitnehmer in ihrer Frei- oder Urlaubszeit weiterbilden. Hierzulande wird das häufig nur während der Arbeitszeit akzeptiert. Eine wichtige Rolle spielen dabei entsprechende Anreizsysteme, um die Motivation der Arbeitnehmer zur Teilnahme an Fortbildungsmaßnahmen zu erhöhen. Außerdem sollten Unternehmen noch stärker mit Hochschulen kooperieren, um auf spezielle Anforderungen zugeschnittene Kurse anzubieten. Entscheidend ist hierbei, die Notwendigkeit des „lebenslangen Lernens“ zu unterstreichen, da mit dem digitalen Wandel immer wieder neue Herausforderungen an die Fachkräfte gestellt werden.

Außerdem ist die berufliche und akademische Ausbildung von IT-Fachkräften als vorgelagertem Schritt stärker zu fördern. Zwar existieren in Deutschland schon einige zukunftsfähige Ausbildungsberufe, das Portfolio einschlägiger Ausbildungsprofile und Studiengänge sollte jedoch noch stärker auf die zukünftigen Anforderungen der Digitalisierung angepasst werden. Jedoch nicht nur die Ausbildung an sich, sondern auch die Werbung gerade für IKT-Fächer und den MINT-Bereich sollte differenzierter und motivierender gestaltet werden. Typische Beispiele sind das Aufzeigen von Vorbildern, attraktive Karrierepfade für Absolventen oder auch das Beleuchten der spannenden und kommunikativen Anforderungen im Bereich der Softwareprogrammierung.

Handlungsimpulse

  • Zur Reduktion des IT-Fachkräftemangels sollten attraktive Karrierepfade und Vorbilder in den MINT-Bereichen aufgezeigt werden. Beispielsweise kann die Einführung von betrieblichen Anreizsystemen Arbeitnehmer zur Teilnahme an Fortbildungen motivieren.
  • Um Kurse anzubieten, die auf die speziellen Anforderungen an IT-Fachkräften zugeschnitten sind, sollten verstärkt Kooperationen zwischen Unternehmen und Hochschulen initiiert werden.
  • Durch ein umfassendes Monitoring sollten die Bedarfsprofile von IT-Fachkräften in der digitalen Welt erarbeitet werden. Zu ihnen zählen dann sicherlich nicht nur Programmier- und Softwarekompetenzen, sondern auch andere insbesondere kognitive Kompetenzen. Der gerade in letzter Zeit häufig in der Öffentlichkeit vertretene Wunsch nach Programmiersprachen als zweite Fremdsprache geht vor diesem Hintergrund sicherlich in die richtige Richtung; ob das Erlernen einer Programmiersprache der richtige Weg ist oder womöglich andere Softwarekompetenzen relevant sind, sollte noch eingehender geprüft werden.