Stärkung der Innovationskraft durch Entscheidungs- und Gestaltungsfreiheit

These im Wortlaut

Länger tragende Grundfähigkeiten und Werte jenseits der aktuellen Bedürfnisse der Wirtschaft wie zum Beispiel Kreativität und vernetztes Denken verlieren zunehmend an Relevanz.

Erkenntnis

Vernetztes Denken, Kreativität und Selbstmanagement sind für die Innovationskraft in der digitalen Welt entscheidend und müssen durch Offenheit und entsprechende Maßnahmen innerhalb und außerhalb der Bildungssysteme gefördert werden. An die Stelle der gegenwärtig mitunter zu beobachtenden Vereinheitlichung sollten Entscheidungs- und Gestaltungsfreiheit treten, sodass jeder zum „Unternehmer der eigenen Karriere“ werden kann.

Einführung

Durch negative Ergebnisse in länderübergreifenden Vergleichsstudien wie PISA und aufgrund des zunehmenden Fachkräftemangels in den letzten Jahren wird verstärkt auf die internationale Anschlussfähigkeit des deutschen Bildungssystems geachtet. Es stellt sich die Frage, inwiefern Entwicklungen wie der Bologna-Prozess und die Straffung des Bildungssystems die richtigen Wege sind, um den aktuellen Erfordernissen der Berufswelt gerecht zu werden.


These: Länger tragende Grundfähigkeiten und Werte jenseits der aktuellen Bedürfnisse der Wirtschaft wie zum Beispiel Kreativität und vernetztes Denken verlieren zunehmend an Relevanz.

„Inwieweit trifft diese These auf die Situation in Deutschland zu?“

Basis: Gesamt n = 122, IKT n = 80, Nicht-IKT n = 42


Deskription

Aktuell sind weniger als ein Drittel der befragten Experten (27 Prozent) der Meinung, dass länger tragende Grundfähigkeiten und Werte jenseits der aktuellen Bedürfnisse der Wirtschaft, wie zum Beispiel Kreativität und vernetztes Denken, zunehmend an Relevanz verlieren. Für das Jahr 2020 sind nur noch 23 Prozent davon überzeugt und für 2025 sinkt diese Quote um zwei weitere Prozentpunkte.

Interpretation

Durch die Befragung zeigt sich sehr klar, dass nur wenige Experten davon überzeugt sind, dass sich das Bildungssystem heute und in naher Zukunft rein an internationalen wirtschaftlich geprägten Bedürfnissen orientieren wird. Über zwei Drittel der Befragten sprechen den heute vermittelten länger tragenden Grundfähigkeiten und Werten eine wichtige Relevanz zu. Auch künftig wird sich dieses Bild wohl nicht ändern. Ein Zusammenhang zwischen der Umstellung der Bildungswege und Fähigkeiten weg von alten Grundfähigkeiten und Werten hin zu einer absoluten Orientierung am angloamerikanischen Bildungssystem ist folglich nicht zwingend.


Darstellung der Eintrittswahrscheinlichkeit zweier gegensätzlicher aus der These resultierenden Entwicklungsszenarien aus Sicht der befragten Experten.

„Im Folgenden zeigen wir Ihnen zwei Entwicklungsmöglichkeiten: Bitte kreuzen Sie an, welche Entwicklungsalternative Ihnen wahrscheinlicher erscheint heute / im Jahr 2020 / im Jahr 2025.“

Basis: Gesamt n = 122, IKT n = 80, Nicht-IKT n = 42



Darstellung der wichtigsten Akteure, die aus Sicht der befragten Experten im Jahr 2020 entweder das positive Entwicklungsszenario beeinflussen oder dem negativen Entwicklungsszenario entgegenwirken.

„Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich im Jahr 2020. Welche der im Folgenden aufgeführten Akteure können diese positive Entwicklung bewirken / der negativen entgegenwirken?“

Basis: Verstärker n = 62, Verhinderer n = 60



Absolventen aus dem asiatischen Raum führen laut Expertenmeinung zukünftig kaum zu einer Unterlegenheit der deutschen Innovationskraft.

„Inwieweit trifft diese These auf die Situation in Deutschland zu?“

Basis: n = 121


Deskription

Über die Hälfte der befragten deutschen Experten (57 Prozent) geben an, dass derzeit das breite Kompetenzspektrum der Deutschen immer geringer wird, da die Fähigkeit zu vernetztem Denken und Kreativität in deutschen Ausbildungssystemen immer weniger gefördert wird. 2020 wandelt sich das Bild hin zum Positiven: Über die Hälfte der Experten (54 Prozent) ist der Meinung, dass die Innovationskompetenz der Deutschen ansteigt, da die Fähigkeit zu vernetztem Denken und Kreativität frühzeitig erkannt und gefördert wird. Diese Quote steigt 2025 um weitere 16 Prozentpunkte auf 70 Prozent.

Erfolgsfaktoren, die eine positive zukünftige Entwicklung bedingen und gleichzeitig einer negativen Entwicklung entgegenwirken, sind nach Meinung der befragten Experten vor allem die Wissenschaft (Verstärker positiv: 74 Prozent, Verhinderer negativ: 60 Prozent), die Wirtschaft in Deutschland (Verstärker positiv: 66 Prozent, Verhinderer negativ: 68 Prozent), die Politik in Deutschland (Verstärker positiv: 63 Prozent, Verhinderer negativ: 73 Prozent), sowie die Zivilgesellschaft in Deutschland (Verstärker positiv: 52 Prozent, Verhinderer negativ: 63 Prozent).

Für 24 Prozent der befragten deutschen Experten trifft es voll und ganz oder eher zu, dass die zunehmende Übernahme des angloamerikanischen Ausbildungssystems durch Länder aus dem asiatischen Raum zu einer großen Absolventenanzahl in diesen Ländern und damit bis zum Jahr 2020 zu einer Unterlegenheit der Innovationskraft in Deutschland führt. 28 Prozent sind sich nicht sicher, ob dies eintreten wird. 41 Prozent stimmen dieser Aussage eher oder überhaupt nicht zu.

Interpretation

Zwischen Bildungssystem und Innovationskultur scheint kein Zusammenhang zu bestehen: In den USA gilt das Ausbildungssystem zumindest in den öffentlich finanzierten Bildungseinrichtungen als starr, die Wirtschaft ist allerdings innovativ. Im Gegensatz dazu sind chinesische Ausbildungssysteme zwar starr, aber es werden kaum Innovationen hervorgebracht. Kreativität und vernetztes Denken gewinnen weltweit an Relevanz. Sie werden jedoch eher weniger durch das derzeitige Bildungswesen in Deutschland, sondern durch Werkzeuge der Vernetzung (zum Beispiel Mobiltelefone, soziale Medien etc.) gefördert. Somit bestätigen die Ergebnisse das Sinnbild der Achillesferse nicht. Es stellt sich die Frage, warum die Experten die zukünftige Entwicklung für die nächsten Jahre so stark positiv bewerten. Hierfür müssten sich innerhalb von fünf Jahren die Bildungssysteme grundlegend ändern, was kaum möglich ist.

Die Ergebnisse zeigen, dass Ausbildungssysteme weniger relevant sind als die individuellen Fähigkeiten des Absolventen. Die überkommenen Diplomstudiengänge brachten Studenten stärker bei, sich selbst zu organisieren als dies im Zuge der kürzeren Bachelor-Studiengänge der Fall ist. Zudem war das Studium früher weniger stark auf Effizienz ausgerichtet. Im Zuge des Bologna-Prozesses hingegen werden Universitätsstrukturen so gestaltet, dass Studierende vom ersten Tag an in einen extrem effizienten Prozess integriert werden. Dagegen werden Kreativität und vernetztes Denken an Universitäten weniger gefördert.

Die Erfolgsfaktoren beinhalten diejenigen Kräfte, die systemisch betrachtet eine inkrementelle Änderung bringen können. Die Zivilgesellschaft ist hierbei nur ein Follower. Auch Politik und EU werden nicht so stark wahrgenommen. Einen wichtigen Erfolgsfaktor hingegen stellen Netzwerke (wie soziale Medien etc.) dar, da diese zu einer besseren Interaktion beitragen und Kreativität fördern können. Ob die Übernahme des angloamerikanischen Ausbildungssystems die Innovationskraft steigert, bleibt fraglich. Hierbei ist in den Ergebnissen der Befragung kein Trend erkennbar. Es gibt jedoch die Tendenz, dass viele asiatische Studenten für ihr Studium nach Europa gehen, um von dem dort angesiedelten Wissen und der Vernetzung zu profitieren – die Deutschen hingegen erfahren nur wenig aus China.

Wege in die digitale Zukunft

In der heutigen Zeit scheinen Ausbildungssysteme nicht mehr so entscheidend zu sein, wie sie es früher einmal waren. Denn nicht nur die Bildungswege, sondern auch andere Faktoren scheinen aktuell die Entwicklung der Fähigkeiten zu vernetztem Denken und Kreativität stark zu bestimmen. Das angloamerikanische System beziehungsweise Bildungssysteme im Allgemeinen stehen nicht in engem Zusammenhang mit Innovationskraft. Hier ist ein Stück weit deutsche Selbstständigkeit gefragt: Nicht alles sollte aus dem angloamerikanischen Bildungssystem übernommen werden. Die Innovationskraft kann insbesondere durch vernetztes Denken und Kreativität gefördert werden. Somit muss diesen beiden Aspekten wieder mehr Raum in den Ausbildungssystemen gegeben werden. Die positiven Effekte der sozialen Medien sollten dabei nicht unterschätzt werden. Voraussetzung hierbei ist eine ausreichende Medienkompetenz, um mit den Instrumenten und den dargestellten Inhalten adäquat umgehen zu können.

Vernetztes Denken könnte durch Schüler- beziehungsweise Studentenaustausche und das Lernen in internationalen Unternehmen zusätzlich gefördert werden. Zudem müssen Universitäten den Studenten mehr Entscheidungs- und Gestaltungsfreiheit lassen, sodass diese zum „Unternehmer der eigenen Karriere“ werden können. Der derzeitige Standardisierungsdruck ist überbewertet. Abschlüsse sollten stattdessen künftig nur ein Minimal-Level an Pflichtkursen beinhalten, sodass Studenten wieder frei unterschiedliche Kurse wählen können und eine Individualisierung des Abschlusses möglich wird. Des Weiteren müssen für Studierende oder bereits für Schüler Möglichkeiten geschaffen werden, selbst Unternehmer zu sein (zum Beispiel in Projekten an der Universität). Um eine (internationale) Vernetzung weiter voranzutreiben, sollte die Nutzung von digitalen Medien unter Studierenden gestärkt und interdisziplinäre Studiengänge gefördert werden. Allgemein ist die industrieübergreifende Zusammenarbeit zu stärken.

Handlungsimpulse

  • Schüler- und Studentenaustausche sollten als Potenzial für vernetztes Denken sowie die kritische Auseinandersetzung mit anderen Kulturen und Umfeldern ausgebaut werden.
  • Studenten sollten mehr zu „Unternehmern der eigenen Karriere“ gemacht werden: durch mehr Entscheidungs- und Gestaltungsfreiheit an den Universitäten, zum Beispiel durch ein Minimal-Level an Pflichtkursen und Individualisierungsmöglichkeiten der Abschlüsse.
  • Insgesamt sollten die existierenden Bildungssysteme im 21. Jahrhundert flächendeckend überdacht und angepasst werden. Ausgangspunkt sollten dabei diejenigen Qualifikationen sein, die zukünftig in der digitalen Welt erforderlich sind. Hierzu zählen insbesondere interaktives vernetztes Lernen und Denken, aber sicherlich auch andere wichtige Kompetenzen.