Gütesiegel Qualität „Made in Germany“ unkritisch gesehen

These im Wortlaut

Der Qualitätsbegriff „Made in Germany“ ist weltweit bekannt. Den Führungsanspruch, den Deutschland hier im Industriegüterbereich manifestieren konnte, kann es in Bezug auf seine digitalen Produkte und Dienstleistungen bisher deutlich seltener verbuchen. Untergräbt dies langfristig das deutsche „Qualitätsimage“ zum Nachteil der gesamten Industrie?

Erkenntnis

Die deutsche Industrie scheint keinen Qualitätsnachteil zu befürchten. Das Thema eines Gütesiegels „Made in Germany“ für digitale Produkte und Dienste wird von den Experten als unkritisch gesehen. Ein Grund kann die bisher mangelnde Sichtbarkeit deutscher Angebote auf dem digitalen Sektor sein, die es betreffen könnte. Außerdem verspricht die weiter vorhandene Strahlkraft aus den klassischen Branchen Zukunftspotenzial für künftige deutsche Angebote im digitalen Bereich.

Einführung

Die Bezeichnung „Made in Germany“, die ursprünglich dem Schutz vor billigen Importgütern gedient hatte, wurde im Zeitalter der Industrialisierung von den Käufern mit einem Gütesiegel assoziiert, das für besonders hochwertige Produktqualität stand. Es stellt sich die Frage, inwiefern diese Assoziation auf dem digitalen Sektor heute Bestand hat, beziehungsweise gefördert werden sollte.


These: Der Qualitätsbegriff „Made in Germany“ ist weltweit bekannt. Deutschland gelingt es im internationalen Markt nicht immer, auf seine qualitativ hochwertigen, digitalen Produkte und Dienstleistungen das Qualitätsimage „Made in Germany“ zu übertragen und verliert dadurch generell „Qualitätsimage“ zum Nachteil der gesamten Industrie.

„Inwieweit trifft diese These auf die Situation in Ihrem Unternehmen zu?“

Basis: Gesamt n = 130, IKT n = 69, Nicht-IKT n = 61


Deskription

Während aktuell nur ein Viertel der Experten (26 Prozent) davon ausgeht, dass es Deutschland nicht immer gelingt, das Qualitätsimage „hochwertig“ auf seine digitalen Produkte und Dienstleistungen zu übertragen, sinkt die Zustimmungsquote über die befragten Jahre leicht ab, für das Jahr 2020 auf 23 Prozent und bis zum Jahr 2025 auf 22 Prozent.

Interpretation

Nach Einschätzung der Experten scheint es beim Thema Qualität „Made in Germany“ in Bezug auf den digitalen Sektor keinen großen Handlungsbedarf zu geben, weder im IKT-Bereich selbst, noch in den klassischen Industrien. Auch in den nächsten zehn Jahren werden hier nur sehr wenige Änderungen erwartet. Daraus lässt sich schließen, dass das Qualitätssiegel „Made in Germany“ noch weiter als relativ intakt gesehen wird und dessen Einlösung oder auch Nicht-Einlösung im digitalen Sektor keine oder nur geringe negative Auswirkungen auf die restliche Wirtschaft hat.

Zwei Erklärungen bieten sich zu dieser Einschätzung an. Zum einen: Die Sektoren digitale und klassische Industrie laufen relativ unabhängig voneinander und werden unterschiedlich wahrgenommen. Denn während Deutschland in Bereichen wie dem Maschinenbau oder der Automobilbranche die Führungsrolle in punkto Qualität global behauptet hat, sieht dies für den digitalen Sektor anders aus. Hier ist der Anteil an in Deutschland entwickelten und auch hergestellten Produkten eher überschaubar.

Zum andern: Das Qualitätssiegel „Made in Germany“ ist in den Augen der Experten intakt und so stark, dass sich sein Effekt auch auf Produkte übertragen lässt, die noch neu auf dem Markt sind. Für den digitalen Sektor könnte beispielsweise das Gütesiegel „Datenschutz „Made in Germany““ so bedeutend werden, dass Lösungen im Bereich von Sicherheitstechnologien stärker vertraut wird als Produkten von Anbietern aus anderen Ländern wie den USA oder Asien. Erste Ansätze diesbezüglich werden vom Bundesverband des IT-Mittelstandes verfolgt.


Darstellung der Eintrittswahrscheinlichkeit zweier gegensätzlicher aus der These resultierenden Entwicklungsszenarien aus Sicht der befragten Experten.

„Im Folgenden zeigen wir Ihnen zwei Entwicklungsmöglichkeiten: Bitte kreuzen Sie an, welche Entwicklungsalternative Ihnen wahrscheinlicher erscheint heute / im Jahr 2020 / im Jahr 2025.“

Basis: Gesamt n = 130, IKT n = 69, Nicht-IKT n = 61



Darstellung der wichtigsten Akteure, die aus Sicht der befragten Experten im Jahr 2020 entweder das positive Entwicklungsszenario beeinflussen oder dem negativen Entwicklungsszenario entgegenwirken.

„Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich im Jahr 2020. Welche der im Folgenden aufgeführten Akteure können diese positive Entwicklung bewirken / der negativen entgegenwirken?“

Basis: Verstärker n = 60, Verhinderer n = 70



Die Bedeutung des Gütesiegels „Made in Germany“ wird in den nächsten Jahren nicht abnehmen.

„Durch die zunehmende Verflechtung wirtschaftlicher Produktionsstätten über Landesgrenzen hinweg verändert sich die Bedeutung des Gütesiegels „Made in Germany“. Wie schätzen Sie die Bedeutung dieses Gütesiegels für Ihr Unternehmen ein?“

Basis: n = 130


Deskriptiv

Für das Jahr 2014 gehen 58 Prozent der Experten davon aus, dass es Deutschland nicht gelingt, qualitativ hochwertige digitale Produkte als „Made in Germany“ zu verkaufen. Im Jahr 2020 hingegen wird das Gütesiegel bereits nach Schätzung von über der Hälfte der Befragten (55 Prozent) ein ernstzunehmendes Siegel im digitalen Sektor sein, bis zum Jahr 2025 steigt hier die Zustimmungsquote um sieben weitere Prozentpunkte.

Wichtige Akteure, welche den Erfolg des Gütesiegels im digitalen Sektor fördern, sind die Wirtschaft in Deutschland (Verstärker positiv: 88 Prozent, Verhinderer negativ: 67 Prozent), die Politik in Deutschland (Verstärker positiv: 62 Prozent, Verhinderer negativ: 59 Prozent), die Wissenschaft (Verstärker positiv: 62 Prozent, Verhinderer negativ: 47 Prozent) sowie die Politik der Europäischen Union (Verstärker positiv: 35 Prozent, Verhinderer negativ: 39 Prozent).

Für die Jahre 2014, 2020 und 2025 gehen ungefähr vier von zehn der befragten Experten (2014: 43 Prozent, 2020: 45 Prozent, 2025: 43 Prozent) davon aus, dass das Gütesiegel „Made in Germany“ trotz der zunehmenden landesgrenzen-übergreifenden Verflechtung von Produktionsstätten sehr starke oder starke Bedeutung haben wird.

Interpretation

Nach Ansicht der Experten wird das Sinnbild der Achillesferse für den aktuellen Zeitpunkt zwar bestätigt, insgesamt aber scheint das Thema Qualitätsstandard für sie nur eine mindere Relevanz zu besitzen. Vor allem lässt sich aus den Ergebnissen auf die Zuversicht schließen, dass aus dem Potenzial „Made in Germany“, das in anderen Segmenten des deutschen Marktes bereits etabliert ist, tatsächlich ein Erfolgsfaktor für die deutsche Wirtschaft auf dem digitalen Markt entwickelt werden kann. Deutlich lässt sich auf jeden Fall erkennen, dass Handlungsbedarf besteht – oder anders ausgedrückt – dass das vorhandene Potenzial dieses Gütesiegels auch für den digitalen Sektor besser nutzbar gemacht werden kann. Dies ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass Deutschland im digitalen Sektor schon vor Jahren seine Möglichkeiten, eine Führungsrolle zu übernehmen, nur bedingt wahrgenommen hat. Die positive Konnotation des Gütesiegels bleibt zwar weiterhin für die klassischen Wirtschaftszweige erhalten und es können Spill-over-Effekte für die digitalisierte Wirtschaft zustande kommen, aber die Gefahr der Abnutzung ist nicht zu unterschätzen.

Um einen positiven Wandel zu bewerkstelligen, ist laut Experten vor allem die deutsche Wirtschaft gefordert. Hier entstehen Produkte, die weltweit als qualitativ hochwertig angesehen werden. Hohe Qualitätsstandards, Nachhaltigkeit, Genauigkeit und Sorgfalt erwecken in Kunden ein Gefühl des Vertrauens in die Produkte. Im Gegensatz zu anderen Ländern, die vor allem durch Geschwindigkeit und Skalierbarkeit Wettbewerbsvorteile genießen, ist hier eine Unique Selling Proposition der deutschen Wirtschaft angesiedelt. Diese gilt es auf digitale Produkte zu übertragen.

Neben der Wirtschaft stellt aber auch die deutsche Politik einen wichtigen Akteur dar. Diese sollte vor allem die deutschen Hersteller digitaler Güter unterstützten. Denn in Deutschland werden viele IT-Produkte ausländischer Unternehmen in großem Maßstab verwendet. Es stellt sich die Frage, ob – und wenn ja welche Hebel bewegt werden sollten, um die Nutzung deutscher Produkte zu fördern.

Wege in die digitale Zukunft

Das Label „Made in Germany“ hat grundsätzlich das Potenzial, auch zu einer Marke der Digitalisierung zu werden. Dies zeigt sich beispielsweise an dem vom BITMi herausgegebenen Label „Software made in Germany“, das sich immer mehr etabliert. Insofern ist davon auszugehen, dass es durchaus auch zukünftig noch genügend Strahlkraft besitzt, um auch auf die digitale Produktwelt übertragen zu werden. Entscheidend ist dabei, dass initial während der Produktentwicklung darauf geachtet wird, die mit dem Gütesiegel verbundenen relevanten Konnotationen auf IT-Produkte anzupassen. Dafür sollte im Vorfeld analysiert werden, wie bisher qualitativ hochwertig eingestufte Eigenschaften deutscher Produkte in die digitale Welt übersetzt werden können. Sind diese erst einmal in Produkte umgesetzt, so sollten die entsprechenden Merkmale in Kampagnen promotet werden, um die potenzielle Käuferschaft auf die besonderen Qualitätsmerkmale aufmerksam zu machen. Auch ist es möglich, den Umsatz zu erhöhen, indem von der deutschen Politik „Made in Germany“ vorgelebt und von seinen Bürgern bis zu einem gewissen Grade eingefordert wird.

Im digitalen Zeitalter ist der deutsche Markt zu klein, um überlebensfähige Geschäftsmodelle digitaler Produkte aufzubauen. Deshalb sollten Unternehmen bereits bei der Entwicklung von Produkten auf internationale Ausrichtung achten, um Skaleneffekte zu erreichen. Kooperationen und Initiativen zwischen Unternehmen untereinander und mit der deutschen Politik könnten Wechsel- und Hebelwirkungen darstellen, um schnell qualitativ hochwertige Produkte auf den Markt zu bringen. Zudem stellt sich die Frage, wie es zu bewerkstelligen ist, dass der Qualitätsbegriff auch bei länderübergreifenden Wertschöpfungsnetzen weiterhin die gleiche Relevanz für den Nutzer behalten kann. Eine Möglichkeit wäre es, eine differenziertere Aussage zu dem Gütesiegel zu treffen, in der unterstrichen wird, dass das Produkt in Deutschland entwickelt und geprüft worden ist.

Handlungsimpulse

  • Zunächst sollte geprüft werden, wie das existierende Gütesiegel „Software made in Germany“ auf andere digitale Produkte übertragen werden kann und wie sich die Wirkung forcieren lässt.
  • Weiterhin sollte analysiert werden, wie bisher qualitativ hochwertig eingestufte Eigenschaften deutscher Produkte in die digitale Welt übersetzt werden können. Dies sollte durch Kampagnen hervorgehoben und gefördert werden.
  • In einem weiteren Schritt ist die deutsche Politik gefragt. Die Politik sollte verstärkt „Made in Germany“ vorleben und von den Bürgern einfordern.
  • Als weiterer Punkt ist eine stärkere Vernetzung der Akteure nötig. Es sollten Kooperationen und Initiativen der Unternehmen untereinander und mit der deutschen Politik gefördert werden, um Wechsel- und Hebelwirkungen für schnelle und qualitativ hochwertige Produkteinführungen zu erzielen.
  • Als letzter Handlungsimpuls sollte analysiert werden, wie der Qualitätsbegriff auch bei länderübergreifenden Wertschöpfungsnetzwerken sichergestellt werden kann.