Branchenübergreifende Wertschöpfungsketten als Erfolgs- und Standortfaktor

These im Wortlaut

Die Wirtschaft in Deutschland ist geprägt von Branchendenken und Wertschöpfungsketten innerhalb der eigenen Branche. Unternehmen denken zu wenig in branchenübergreifenden Wertschöpfungsnetzwerken.

Erkenntnis

Die Vernetzung klassischer Branchen und Wertschöpfungsketten auf Basis der Digitalisierung von Prozessen, Produkten und Dienstleistungen ist von zentraler Bedeutung und wird als Erfolgsfaktor für die Zukunft der deutschen Wirtschaft gesehen. Hier wird eine positive Entwicklung erwartet auch wenn die aktuelle Situation der deutschen Wirtschaft noch deutlich von Branchendenken und dem Festhalten an brancheninternen Wertschöpfungsketten geprägt ist.

Einführung

Die digitale Durchdringung der Wertschöpfungsprozesse (zum Beispiel Design, Konzeption, Entwicklung, Produktion und Vertrieb) sowie der Produkte und Dienstleistungen (zum Beispiel Sensorik, Aktorik, Steuerung, Kommunikation, User Interfaces, Verarbeitungsfunktionen) ermöglicht verstärkt branchenübergreifendes Zusammenwirken. Auf diese Weise werden neuartige und komplementäre Produkte und Dienstleistungen realisiert und Einsatzfelder in zunehmend konvergenten Industrien ermöglicht. In Folge bilden sich neue Wertschöpfungsnetze durch das Zusammenwirken von Kernkompetenzen über die gesamte Wertschöpfungskette von der Produktkonzeption bis zum Endkunden. Anstelle klassischer, meist branchenintern definierter Wertschöpfungsprozesse entstehen branchenübergreifende Wertschöpfungsnetze, deren einzelne Akteure problemorientiert zusammenarbeiten, um die Kundenwünsche bestmöglich zu realisieren.

Fördert man dieses Zusammenwirken über Branchengrenzen und bestehende Einsatzfelder hinweg, so können die einzelnen Partner ihre eigenen Kernkompetenzen schärfen und flexibel komplettieren, um neue Marktanforderungen schneller bedienen zu können. Eine langfristig nachhaltige Zusammenarbeit sollte durch wechselseitige Vorteile für alle beteiligten Partner und eine allgemein erhöhte Wertschöpfung geprägt sein.


These: Die Wirtschaft in Deutschland ist geprägt von Branchendenken und Wertschöpfungsketten innerhalb der eigenen Branche. Unternehmen denken zu wenig in branchenübergreifenden Wertschöpfungsnetzwerken.

„Inwieweit trifft diese These auf die Situation in Ihrem Unternehmen zu?“

Basis: Gesamt n = 134, IKT n = 77, Nicht-IKT n = 57


Deskriptiv

Der oben aufgeführten These stimmen 60 Prozent der Befragten in Bezug auf die derzeitige Situation in ihrem Unternehmen zu. Dieser Wert ist über die nächsten 10 Jahre stark rückläufig und entwickelt sich damit positiv. Im Jahre 2020 befürchtet nur noch gut jeder dritte Experte (36 Prozent) ein ausschließliches Branchendenken in seinem Unternehmen und in der langfristigen Perspektive für 2025 nur noch jeder Vierte (25 Prozent).

Interpretation

Die Antworten zeigen deutlich, dass die deutsche Wirtschaft bereits heute ein starkes Bewusstsein für die Bedeutung von branchenübergreifendem Denken im Wertschöpfungsprozess hat. Die erwartete vergleichsweise zügige Entwicklung über die nächsten zehn Jahre hinweg verdeutlicht, dass Unternehmen aktiv Schritte einleiten, um die entsprechenden Netzwerke aufzubauen oder sich zumindest der Notwendigkeit bewusst sind, diese vorantreiben zu müssen.

Die Bedeutung von (branchenübergreifenden) Wertschöpfungsnetzen kann in Abhängigkeit von Unternehmensgröße, der Art der Wertschöpfung und der Kompetenzfelder unterschiedlich sein. Hier bedarf es einer kontinuierlichen Auseinandersetzung, Beobachtung und Weiterentwicklung, um Potenziale zu identifizieren, den eigenen Handlungsrahmen zu erkennen und aktiv zu gestalten. Entscheidend ist letztlich der Kunde bzw. der Kundenwunsch. Je mehr der Kunde zukünftig nach ganzheitlichen Lösungen und je weniger er nach einzelnen Produkten nachfragt, desto wichtiger werden branchenübergreifende Wertschöpfungsnetze, um ihm diese Lösung zur Verfügung zu stellen.


Darstellung der Eintrittswahrscheinlichkeit zweier gegensätzlicher aus der These resultierenden Entwicklungsszenarien aus Sicht der befragten Experten.

„Im Folgenden zeigen wir Ihnen zwei Entwicklungsmöglichkeiten: Bitte kreuzen Sie an, welche Entwicklungsalternative Ihnen wahrscheinlicher erscheint heute / im Jahr 2020 / im Jahr 2025.“

Basis: Gesamt n = 133, IKT n = 77, Nicht-IKT n = 56



Darstellung der wichtigsten Erfolgsfaktoren, die aus Sicht der befragten Experten im Jahr 2020 entweder das positive Entwicklungsszenario beeinflussen oder dem negativen Entwicklungsszenario entgegenwirken.

„Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich im Jahr 2020. Welche der im Folgenden aufgeführten Faktoren sind auszubauen bzw. zu stärken, um diese positive Entwicklung zu bewirken / der negativen entgegenzuwirken?“

Basis: Verstärker n = 63, Verhinderer n = 70


Deskriptiv

2014 hält die große Mehrheit der Experten (70 Prozent) das pessimistische Szenario einer in einem ausgeprägten Branchendenken verhafteten deutschen Wirtschaft für realistischer als den positiven Entwicklungsstrang. Dieses Bild dreht sich jedoch über die nächsten zehn Jahre sukzessive um: Bereits 2020 halten 56 Prozent der Fachleute es für wahrscheinlich beziehungsweise sehr wahrscheinlich, dass es Akteuren verschiedener Branchen in Deutschland gelingen wird, ihre Wertschöpfung konsequent in branchenübergreifenden Leistungsbündeln zu organisieren und hierdurch die Kundenbedürfnisse besser erfüllen zu können. Für das Jahr 2025 stimmen dieser Entwicklung sogar acht von zehn Experten zu (77 Prozent).

Hauptverstärker der positiven Entwicklung und Verhinderer der negativen sind in den Augen der Fachleute Erfolgsfaktoren wie Kreativität und Offenheit (Verstärker positiv: 59 Prozent, Verhinderer negativ: 60 Prozent) und eine auf den Kundenutzen fokussierte Haltung (Verstärker positiv: 54 Prozent, Verhinderer negativ: 67 Prozent), einhergehend mit der Verinnerlichung der Vernetzung als Leitgedanken (Verstärker positiv: 51 Prozent) sowie einem Verständnis für die digitale Ökonomie (Verstärker positiv: 49 Prozent, Verhinderer negativ: 60 Prozent).

Interpretation

Die beschleunigte Durchdringung der IKT in unterschiedlichsten Branchen erfordert ein rasches Umdenken im Hinblick auf branchenübergreifende Schritte. Dessen ist sich die deutsche Wirtschaft ganz offensichtlich bewusst. Der Bedarf, die derzeit noch vorhandene Achillesferse der deutschen Wirtschaft hinsichtlich ungenügend branchenübergreifender Wertschöpfungsaktivitäten aktiv in Angriff zu nehmen, ist erkannt. Der Wandel hin zu branchenübergreifendem Denken, weg von einer ausschließlich branchenspezifischen Sicht, wird als richtig und notwendig begrüßt. Allerdings wird dieser Weg offensichtlich zunächst eher als interne und individuelle Notwendigkeit angesehen, die mit einem Mentalitätswandel einhergehen muss. Entscheidende Erfolgsfaktoren hin zu Wertschöpfungsnetzwerken beinhalten ein neues Denken: offen, kreativ, vernetzt und kundenorientiert. Die Fachleute sehen das Setzen von internationalen Standards oder globalen Regelwerken in dieser Frage eher nachgelagert. Wichtiger scheint es, im jeweiligen Unternehmen die notwendige Offenheit zu erzielen, um organisatorisch flexibel auf die neuen Anforderungen der digitalen Welt reagieren zu können. Dieser Kulturwandel wird jedoch nicht einfach zu bewerkstelligen sein.

Wege in die digitale Zukunft

  • Entscheidend ist zunächst das Bewusstsein, dass Kunden zunehmend nach ganzheitlichen Lösungen für ihre Probleme suchen, für deren Erstellung ein branchenübergreifend definiertes Netz verschiedener Kompetenzen erforderlich ist. Vor diesem Hintergrund muss sich jedes Unternehmen auf seine eigenen Kernkompetenzen konzentrieren beziehungsweise diese für die digitale Welt neu definieren und strategisch überlegen, in welchen sich herausbildenden branchenübergreifenden Wertschöpfungsnetzwerken diese Kernkompetenzen relevant sind.
  • Zudem ist ein Umdenken erforderlich, das das Win-Win-Denken an die Stelle von Misstrauen und Konkurrenzdenken stellt. Kooperationen und Netzwerke sind zukünftig für den Markt und Wettbewerbserfolg entscheidend – dies kann sich auch auf Wettbewerber beziehen. Erforderlich ist die Bereitschaft zur "Coopetition" – Wettbewerber können gleichzeitig Kooperationspartner sein.
  • Unterstützend können hier Branchenaustausch (gerade im Hinblick auf Spezialwissen), Vernetzung und die Ermutigung zur Gestaltung ganzheitlicher, branchenübergreifender Lösungen forciert werden. Das insbesondere durch Vernetzung und gesamtsystemische Lösungen vorhandene Potenzial der Digitalisierung sollte klar kommuniziert werden, um die Unternehmen zu einer stärkeren Zusammenarbeit zu ermutigen und dadurch Innovationen zu generieren.
  • Noch zu häufig schreckt die vermeintlich hohe Komplexität, die durch die Digitalisierung von Produkten und Dienstleistungen entsteht, davon ab, branchenübergreifend zusammenzuarbeiten. Dies führt in manchen Fällen zu einem negativ behafteten Image der Kultur des Zusammenarbeitens mit der IKT-Branche und anderen Branchen, die dem vernetzten und offenen Denken im Wege steht. Das häufig noch anzutreffende Silodenken und zunehmend künstliche Sektorengrenzen müssen aufgebrochen werden, wobei auch hier ein modernes Bildungskonzept, das Spezialisten-Wissen mit Schnittstellen-Wissen verbindet und die Prinzipien zur Kooperation aufzeigt, unbedingt empfehlenswert ist.
  • Branchenübergreifende Anstrengungen zur Standardisierung und Schnittstellenbeschreibung scheinen auf den ersten Blick schwierig, aber bei genauerem Hinsehen als gangbarer Weg, um die Komplexität einer vernetzten Wertschöpfung zu erleichtern.